Wirtschaft : Großbritannien: Der englische Patient ist fast gesund

Matthias Thibaut

Die beste Wahlempfehlung für eine Regierung ist das Gefühl der Wähler, Geld in der Tasche zu haben. Dies ist auch die Grundlage für Labours erwarteten Wahlerfolg am Donnerstag. Bei einer Hauspreisinflation von 7,7 Prozent im vergangenen Jahr und Hypothekenzinsen auf einem 30-Jahrestief haben die 70 Prozent der Briten, die eine Immobilie besitzen, das Gefühl, dass es ihnen gut geht. Im Großraum London hat mancher von ihnen sein Immobilienvermögen in den vier Labourjahren verdoppelt.

Dies ist ein wichtiges Geheimnis des Labour-Erfolgs. Auch andere Wirtschaftsdaten geben den Briten Selbstvertrauen. Die Arbeitslosigkeit liegt dicht bei dem im März erreichten 25-Jahres-Tiefststand von unter einer Million - vorausgesetzt, man legt die von Labour einst heftig kritisierte, inzwischen aber gern übernommene Zählung der Arbeitslosengeldempfänger statt der Arbeitsuchenden zugrunde. Wie auch immer - mit einer aktuellen Quote von landesweit drei Prozent ist die Arbeitslosigkeit auf einige strukturschwache Gebiete in Nordengland und ein paar "Unvermittelbare" reduziert. Im wohlhabenden Südosten herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Wachstum ohne Inflation

Die Inflationsrate liegt, seit Labour die Bank von England im großen Überraschungscoup der ersten Regierungswoche in die Unabhängigkeit entließ, konstant in der Nähe des von Schatzkanzler Brown vorgegebenen Zielbereichs von 2,5 Prozent. Das Lohnwachstum liegt maßvoll darüber bei rund 4,5 Prozent - auch das gibt den Briten das Gefühl nachhaltig steigenden Wohlstands. Dazu kommt das starke Pfund. Er bereitet der Export-Industrie Kopfzerbrechen. Doch britische Touristen können im Ausland wie einst ihre reichen Vettern aus Amerika auftreten. Schließlich ist Browns Haushaltskasse prall gefüllt. Gutes Wachstum, gepaart mit der eisernen Sparsamkeit der ersten zwei Labourjahre - das summierte sich in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Pfund.

Grafik: Tony Blairs Bilanz Brown rühmt sich nun, Großbritanniens notorische Zyklen von "Boom and Bust" abgeschafft zu haben. Nach seinem "goldenen Szenarium" kann er zugleich die Staatsverschuldung reduzieren und für die kommenden Jahre einen Goldregen für die sozialen Reformen verheißen, die Labour plant. Über schwer wahrnehmbare Mikroveränderungen im Steuersystem hat er sogar Vermögen an die niedrigsten Einkommensgruppen umverteilt - ohne dabei an den von den Konservativen übernommenen Einkommenssteuersätzen etwas zu ändern und trotz einer weiteren Senkung der Körperschaftssteuer. Brown, der in der Haushalts- und auch Wirtschaftspolitik die Fäden in der Hand hält, präsentierte sich damit als Nachlassverwalter des Thatcher-Erbes. Die Sozialpolitik beschränkte sich auf Details im Wohlfahrtssystem. Makroönomisch unterließ er aber die alte sozialistische Nachfragepolitik und konzentrierte sich darauf, Großbritannien als Wirtschaftsstandort attraktiv zu halten.

Trotz starken Pfundes und unsicherer Euro-Aussichten bleibt Großbritannien der beliebteste europäische Investitionsstandort - 27 Prozent aller EU-Auslandsinvestitionen fließen nach Großbritannien. Der Grund ist der flexible Arbeitsmarkt, niedrige Lohnkosten und die Zurückhaltung der Regierung bei wirtschaftlichen Krisen, ob in der Textil-, Stahl- oder Autoindustrie (Rover/BMW). In England nahm man das Schrumpfen der traditioneller Industriezweige in Kauf. Thatchers Auffassung, dass ungehinderter Wettbewerb die Produktivität steigert, gilt auch für Labour, obwohl der Abstand zu Deutschland und Frankreich beträchtlich bleibt. Doch Brown orientiert sich weniger an den kontinentaleuropäischen Beispielen von hoher Produktivität mit immer weniger Arbeitskräften, sondern sieht vor allem auf die USA. Großbritanniens größtes Produktivitätshindernis bleibt das "skills gap", das niedrige Ausbildungsniveau.

Vorbild USA oder Europa?

Hat Labour damit die britische Wirtschaft dauerhaft stabilisiert - wie Brown behauptet? Eine Rezession würde Labour einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen. In den USA, Japan und Deutschland schrumpft die Wirtschaft - in Großbritannien wird dagegen immer noch genügend in neue Supermärkte und Call Centres investiert, um Arbeitsplatzverluste der Industrie aufzufangen. Labour plant bis 2004 Ausgabensteigerungen von jährlich vier Prozent - die durch das prognostizierte Wirtschaftswachstum nicht gedeckt sind.

Brown ist zwar ein gewiefter Taktiker und arbeitet gerne mit zu niedrigen Prognosen. Trotzdem glauben viele, dass Labour die notwendigen Reformvorhaben langfristig nicht ohne eine Richtungsänderung im Steuersystem finanzieren kann. Dann muss Großbritannien entweder den amerikanischen Weg niedriger Staatsausgaben oder den europäischen höherer Steuern gehen.

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