GROSSBRITANNIEN : Die City feiert wieder

Matthias Thibaut

London - Man leistet sich wieder Kaviar und Foie Gras, barbusigen Bardamen werden dreistellige Trinkgelder in den Schlüpfer gesteckt und Immobilienhändler Knight Frank hat im letzten Monat um 234 Prozent mehr Wohnungen für mehr als eine Million Pfund verkauft.

„Unglaublich! Gute Unternehmen gehen pleite, weil sie keinen Kredit bekommen, während Banker mit ihren von Steuerzahlern finanzierten Boni wieder Jachten und Villen kaufen“, schimpfte Londons Bürgermeister Boris Johnson.

1,3 Billionen Pfund hat der Staat an Bürgschaften und Rettungsmaßnahmen investiert, um die Banken über Wasser zu halten. Nun werden in diesen Wochen sechs Milliarden Pfund (6,6 Milliarden Euro) an Boni ausgeschüttet, berechnete das Centre for Economics and Business Research. Die „Gewinnbeteiligungen“ liegen 50 Prozent über dem Vorjahr und sind die vierthöchsten in der Geschichte der City, wie der Londoner Finanzdistrikt genannt wird. Allein die 5500 Mitarbeiter von Goldman Sachs erhalten durchschnittlich 425 000 Pfund. Die Royal Bank of Scotland, die zu 70 Prozent dem Steuerzahler gehört, will 20 Spitzenbankern Boni zwischen ein und fünf Millionen Pfund zahlen.

Premier Gordon Brown hatte nach dem G-20-Gipfel die größten Londoner Banken, auch die ausländischen, auf die neuen G-20-Regeln für Bankgehälter eingeschworen: „Die wichtigsten Bankinstitute unterstützen die Umsetzung der G-20-Vereinbarung“, freute sich City-Minister Lord Myners. Deshalb sind die neuen Bonuszahlungen den Politikern umso peinlicher. Zumal sie in dem Dilemma stehen, einerseits die nationale Empörung zu teilen und andererseits die City-Institutionen bei Laune und im Lande zu halten.

Probleme macht der Politik vor allem, wie frech Banker die Boni als das Selbstverständlichste der Welt verteidigen. „Wir müssen akzeptieren, dass Ungleichheit ein Weg ist, Chancen und Wohlstand für alle zu erreichen“, sagte Goldman-Sachs-Vize Lord Griffith. Er verwies natürlich auf die Bedeutung der City als Steuerzahler. Prompt bezeichnete Minister Myners Superboni als „Zeichen eines Marktversagens“. Wirtschaftsminister Lord Mandelson sprach von einer „unakzeptablen Rückkehr zu alten Praktiken“ und deutete an, die Finanzaufsicht könnte die Banken zwingen, noch höhere Eigenkapitalanteile zu halten. Vage wird aus dem Schatzamt den Banken nun mit einer Steuer auf Mitnahmeeffekte gedroht.

Aber die Regulierer wissen, dass Boni nicht die Ursache, sondern das Symptom des Problems sind, dass Banken „Too Big to Fail“ (TBTF) sind – zu groß, um zusammenbrechen zu dürfen. „TBTFs können diese Boni bezahlen, weil sie alle Vorteile ihrer Risikogeschäfte einstreichen können, ohne das eigentliche Risiko, pleite zu gehen, tragen zu müssen”, sagt Ökonomieprofessor Niall Ferguson. Der Chef der Bank of England, Mervyn King, forderte diese Woche, große Banken notfalls zu zerschlagen. Jenseits der populären Entrüstung wissen die Politiker, dass nicht die Regulierung der Boni, sondern die Regulierung des Finanzwesens das eigentliche Problem bleibt. Matthias Thibaut

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