Wirtschaft : Großbritannien: Und da waren es nur noch Zwei

Aus dem Wall Street Journal[übersetzt von Bi]

Großbritannien gilt als das Land, wo man immer die Haltung bewahrt. Wer die Heimat Shakespeares besser kennen lernt, wird jedoch schnell den Hang zum Theatralischen gewahr. Das Schauspiel von dem Wettrennen um die Führung der konservativen Tory Partei ist ein gutes Beispiel. Mit welcher Manier das Feld der fünf Kandidaten im Verlauf auf zwei reduziert wurde, ließe selbst eine Lady Macbeth rot werden. Am Ende verlor der eigentliche Kronprinz mit einer Stimme und ging niedergeschlagen ab. Es hat nicht sollen sein.

Michael Portillo, der seit langem als neuer Tory-Vorsitzender gehandelt wurde, bekam von den drei übriggebliebenen Kandidaten bei den Vorwahlen die wenigsten Stimmen der Unterhausabgeordneten. Nun stehen noch der Euroskeptiker Ian Duncan Smith und der bekennende Pro-Europäer Kennet Clarke im Rennen. Was Portillo betrifft, lehnt er "Front Bench" Politik ab. Der Sohn eines spanischen Ministers bemühte sich, die Partei allumfassender zu machen und das altmodische Image eines Clubs für traditionsgebundene Rentner abzulegen. Im Durchschnitt ist ein Tory-Mitglied 65 Jahre, Engländer und aus der ländlichen Region. Die Partei hat keine Sitze in Wales und nur einen in Schottland. Trotzdem war es die Tory Partei, die einen Juden (Benjamin Disraeli) und eine Frau (Margaret Thatcher) zum Premierminister machte. Welche andere Partei in bedeutenden Demokratien kann sich damit rühmen?

Portillos Bekenntnis zur Homosexualität in seiner Studienzeit war jedenfalls kaum für seine Niederlage verantwortlich. Vermeintliche Verfehlungen der Jugendzeit wird in Großbritannien meist vergeben. Letztendlich wird sich die Mehrheit der Abgeordneten hinter ihm abgewandt haben, weil sie seinem Wesen nicht trauten. Die viel umworbene Reise zur Selbstfindung begann Portillo vor vier Jahren als junger, rechter Aufrührer. Er kam aber derart verweichlicht zurück, dass es einen Tory schauderte. Zudem ist es einfacher einen Tiger zu zähmen, als klare politische Aussagen von Portillo zu bekommen. Auf die Frage, wie er zu einer verstärkten Privatvorsorge zur maroden gesetzlichen Krankenversicherung steht, antwortete er, dass seine Partei alle Themen diskutieren müsse und es absurd wäre "wenn ich Vorurteile gegen welches Ergebnis auch immer hätte." Und trotz vieler Vorwürfe gegen Portillo, ging von ihm ein gewisser Reiz aus, den weder Clarke noch Duncan Smith vorweisen können.

Das soll nicht heißen, das komplizierte System zur Wahl des Parteivorsitzenden habe versagt. Die Tory-Mitglieder können in den nächsten zwei Monaten zwischen zwei vollkommen verschiedenen Standpunkten zu Großbritannien und den Rest der Welt wählen. Duncan Smith ist prinzipiell - nicht nur für die Dauer des jetzigen Parlaments - gegen den Euro und wird möglicherweise aus der EU austreten wollen. Während man bei Duncan Smith sofort an Uniform und Reitpeitsche denkt, sieht Clarke aus, als gehöre er in ein William Hogarth Gemälde zufriedener Politiker im 18. Jahrhundert. Zigarre rauchend, Ale zechend und mit dickem Bauch will er die EU in Zusammenarbeit mit anderen europäischen konservativen Parteien liberaler gestalten.

Die Tories müssen sich entscheiden, welches Image und welche Politik sie favorisieren, zumal der Vorsitzende der Partei seinen politischen Stempel aufdrücken wird. Doch ungeachtet dessen, auf wen die meisten Buchmacher noch vor kurzem als Favoriten setzten, wird es nicht Michael Portillos Persönlichkeit sein, die ihren Eindruck hinterlässt.

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