Wirtschaft : Große Angst vor kleinen Zinsen

Anleger bringen Geld ins Ausland, Kreditinstitute verlieren Milliarden. Die Bundesbank ist alarmiert.

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Was vom Euro bleibt. In Zeiten niedriger Zinsen wird das Ersparte eher weniger als mehr. Kein Wunder, dass sich viele Sparer im Ausland umsehen. Foto: Arno Burgi/dpa/pa Foto: picture alliance / dpa
Was vom Euro bleibt. In Zeiten niedriger Zinsen wird das Ersparte eher weniger als mehr. Kein Wunder, dass sich viele Sparer im...Foto: picture alliance / dpa

Frankfurt am Main - Die anhaltend niedrigen Zinsen bereiten der Bundesbank zunehmend Kopfzerbrechen. Unternehmen und Privatanleger verlagern verstärkt Vermögen ins Ausland, um dort von den höheren Zinsen zu profitieren. Für Banken, Volksbanken und Sparkassen stellen die Niedrigzinsen eine Belastung da, weil die Margen im Zinsgeschäft zurückgehen. Bis 2016 drohen den Instituten angeblich Ausfälle von mehr als drei Milliarden Euro. Mitte September hatte die Bundesbank die Geldhäuser aufgefordert, für jedes einzelne Institut bis Ende des Monats darzulegen, wie es die Belastungen aus der schwierigen Zinssituation bewältigt und wie sich das auf die Erträge auswirkt. Banken und Sparkassen baten allerdings am Freitag darum, diese Frist bis Ende Oktober zu verlängern, weil die Berechnungen schwierig seien.

„Die Niedrigzinsphase macht uns Sorgen – vor allem dann, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhielte“, betont Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger. „Deswegen sehen wir uns die Banken derzeit sehr genau an.“ Nach Angaben des Beratungsunternehmens Barkow Consulting geht die Zinsmarge von 1,49 Prozent in diesem Jahr bis 2016 auf 1,05 Prozent zurück. Den Banken drohe dadurch insgesamt bis 2016 ein weiterer Ergebnisausfall von rund 3,2 Milliarden Euro. Zwischen 2010 und Mitte 2013 soll die niedrige Zinsmarge bereits zu Ergebnisminderungen von etwa 2,7 Milliarden Euro geführt haben.

Das Problem: Immer mehr hoch verzinste Anlagen laufen aus. Wenn Banken und Sparkassen dieses Geld neu anlegen, geht dies nur zu erheblich niedrigeren Zinsen. Besonders betroffen davon sind die Sparkassen. Sie halten fast die Hälfte aller Spareinlagen in Deutschland. Verbandspräsident Georg Fahrenschon rechnet mit einer Minderung des Zinsüberschusses um eine halbe Milliarde Euro pro Jahr – Folge der Umschichtungen. Bis 2016 soll der Ergebnisausfall insgesamt auf 1,55 Milliarden Euro steigen. Bei den Genossenschaftsbanken sollen es 970 Millionen Euro sein. Großbanken sind weniger betroffen, weil sie einen eher kleinen Teil der Spareinlagen halten.

Aber auch die Anleger verlieren mit ihren Sparanlagen Geld. Barkow Consulting zufolge lag die Realverzinsung der Geldanlagen in Deutschland – also Sparzinsen abzüglich der Inflationsrate – im Juli auf dem Rekordtief von minus 1,1 Prozent und könnte noch weiter sinken. Dies veranlasst offenbar immer mehr Firmen und Privatanleger, ihr Geld jenseits der Grenze anzulegen. Die Bundesbank präsentierte dazu am Freitag die Daten für 2012. Danach sind die Auslandsforderungen von Kreditinstituten, Firmen, Privatanlegern, Staat und Bundesbank im vergangenen Jahr um 6,5 Prozent auf 7036 Milliarden, also auf mehr als sieben Billionen Euro gestiegen. Allein bei Unternehmen und Privatpersonen gab es einen überproportionalen Anstieg um 173 Milliarden auf 1233 Milliarden Euro. In höher verzinste ausländische Anleihen investierten sie 157 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Für die Bundesbank keine Überraschung: In der Entwicklung dürfte die Suche nach Rendite zum Ausdruck kommen, hieß es in Frankfurt.

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