Wirtschaft : Große Probleme, kleines Vertrauen

Der rasante Absturz der Rupie belegt die tiefe Krise Indiens.

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Die Inflation liegt in Indien derzeit bei fast zehn Prozent. Foto: dpa
Die Inflation liegt in Indien derzeit bei fast zehn Prozent. Foto: dpaFoto: dpa

Neu-Delhi - In Indien macht sich Panik breit. Seit Tagen befindet sich die indische Rupie im freien Fall. Am Mittwoch sank sie auf ein neues Rekordtief. Ein Dollar kostete zeitweise 64,52 Rupien. Seit Mai verlor Indiens Währung damit über 15 Prozent. In den Medien werden bereits Parallelen zur großen Krise von 1991 gezogen, als das Land seine Goldbestände verpfänden musste, um Importe zu finanzieren.

„Was ist aus dem großen indischen Traum geworden?”, fragen TV-Sender entsetzt und: „Wird Indien zum kranken Mann Asiens?“ Der Auslöser für die Krise liegt zunächst in Amerika. Weil die Zinsen im US-Leitmarkt lange historisch niedrig waren, hatten viele Anleger ihr Geld in Schwellenländern angelegt. Nun deutete die Fed ein Ende der lockeren Geldpolitik an – und weltweit fließt Kapital zurück in die USA. Allein aus Indien wurden seit Mai fast zwölf Milliarden Dollar abgezogen.

Der Kapitalexodus trifft Indien in einer Schwächephase, denn die Krise sitzt tiefer. Glänzte das Land über Jahre mit Zuwachsraten von acht bis zehn Prozent, hat sich das Wachstum nun auf weniger als fünf Prozent halbiert. Lange wurde der asiatische Gigant als zweites China bejubelt. Doch inzwischen sind viele Investoren enttäuscht und klagen über mangelnden Reformeifer. Ausländische Firmen, die lange Schlange standen, um im Gandhi-Land zu investieren, kehren Indien den Rücken. Die ausländischen Direktinvestitionen brachen im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent ein. Trend: weiter sinkend. Dies sei „ein Misstrauensvotum“ für den Standort Indien, warnt der Oppositionspolitiker und frühere Privatisierungsminister Arun Shourie.

Berauscht vom Erfolg hat die Politik Reformen verschlafen. Der Absturz der Rupie droht das Wachstum nun vollends zu bremsen. Panisch versucht Indien, den Geldabfluss zu stoppen. In ihrer Not beschränkte die Regierung den Devisenhandel. Einzelpersonen und Firmen dürfen nur noch begrenzt im Ausland investieren. Die Importzölle für Gold und Silber wurden erhöht. Und nun fallen sogar Zölle auf Flachbildschirme an, die sich Inder aus Dubai oder Bangkok mitbringen.

Doch bisher blieb alles erfolglos. „Die Möglichkeiten der Regierung sind begrenzt“, meint Analyst Ruchir Sharma von Morgan Stanley. Auch die Deutsche Bank sieht die Rupie weiter im Sturzflug. In einem Monat könne der Kurs sogar bei 70 gegenüber dem Dollar liegen.

Dabei kam die Krise nicht über Nacht. Zu offensichtlich sind die riesigen Probleme: Die Infrastruktur ist marode, die Bürokratie erschlagend, die Korruption außer Kontrolle. Fast alle Kennzahlen zeigen nach unten: Die Industrie stagniert, die Börsenkurse krachen ein, die Arbeitslosigkeit steigt, die Preise explodieren. In den Boomjahren haben sich viele Firmen zudem tief verschuldet. „25 Prozent aller Unternehmen verdienen nicht einmal genug, um ihre Kreditzinsen zu bezahlen“, warnt Sharma. Regierungschef Manmohan Singh versucht, die Märkte zu beruhigen. Anders als 1991 habe Indien heute genug Devisenreserven, um die Importe über Monate zu sichern.

Doch der Regierung läuft die Zeit davon. Im Frühjahr kommendes Jahres wird gewählt. Bereits jetzt treibt die hohe Inflation die Menschen auf die Barrikaden. Auch die Wirtschaft tobt. Sie wirft der Politik vor, den Ernst der Lage zu verkennen. „Wir zahlen für die Tatenlosigkeit der vergangenen Jahre“, wettert Rahul Bajaj, Chef des Autokonzerns Bajaj. Während die Rupie am Mittwoch weiter verlor, startete die Regierung ein neues, milliardenschweres Hilfsprogramm. Christine Möllhoff

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