Wirtschaft : Große Verantwortung für wenig Geld

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Von Dieter Fockenbrock

Berlin. Rolf E. Breuer ist seit Ende Mai unterbezahlt. Zur Hauptversammlung wechselte der Vorstandssprecher der Deutschen Bank in den Aufsichtsrat und ist damit vom bestbezahlten Manager mit einem Elf-Millionen-Gehalt auf ein paar hunderttausend Euro Jahressalär für einen Job als Kontrolleur abgestürzt. Damit kann Breuer zwar immer noch bequem leben. Doch ist der Banker damit schlecht entlohnt. Das meint jedenfalls Kienbaum-Geschäftsführer Heinz Evers.

Aufsichtsratsmandate seien, wenn sie ernst genommen werden, Full-Time-Jobs, sagt der Unternehmensberater. Männer wie Breuer „sind fast permanent im Geschäft“. Und dieser Einsatz müsse angemessen bezahlt werden. Für Evers steht fest: „Die Entwicklung der Bezüge von Aufsehern steht in krassem Widerspruch zur erheblich gestiegenen Arbeitsbelastung.“ Mehr als 2000 deutsche Unternehmen hat Evers analysiert. Sein Fazit: Wenig Geld für viel Verantwortung.

Die Managementberatung Kienbaum aus Gummersbach beobachtet seit Jahren die Bezüge von Aufsichtsräten. Ergebnis der jüngsten Auswertung: Im Vergleich zu den Vorständen sind die Kontrolleure „sehr bescheiden“. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Bezüge liegen bei 11 900 Euro pro Jahr. Und: Seit 1980 sind die Bezüge nur um 55 Prozent gestiegen. Vorstände kassierten im gleichen Zeitraum dagegen 130 Prozent mehr. Das Gehalt eines durchschnittlichen Angestellten in Industrie und Handel hat sich in etwa verdoppelt. Gemessen an den Lebenshaltungskosten (plus 65 Prozent), sagt Kienbaum-Experte Evers, haben Aufsichtsräte somit in diesen zwei Jahrzehnten sogar einen Verlust ihres Realeinkommens hinnehmen müssen.

Doch Aufsichtsrat ist nicht gleich Aufsichtsrat. Die Faustregel lautet: Je größer das Unternehmen, desto höher die Tantiemen. Die führenden Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax 30) zahlen ihren Räten im Schnitt 65 000 Euro per anno. Dafür tragen die dann auch Mitverantwortung für durchschnittlich 126 000 Beschäftigte. Das Dreifache des Durchschnitts wird bei Schering und der Deutschen Bank gezahlt, beim Energiekonzern Eon oder Daimler-Chrysler immerhin noch das Doppelte. Bei den etwas kleineren M-Dax-Firmen (13 000 Mitarbeiter) sind es 33 000 Euro. Bei der großen Zahl der kleinen Smax-Firmen (2300 Beschäftigte) bekommen die Kontrolleure gerade noch 15 000 Euro im Jahr. Ihre Kollegen am Neuen Markt bilden mit 11 000 Euro das Schlusslicht. Vorsitzende der Aufsichtsräte erhalten in der Regel das Doppelte, sie führen die Geschäfte.

Deutschbanker Breuer ist jetzt zumindest ein Problem los: Er muss nicht mehr öffentlich sein Gehalt verteidigen. Angesichts schlechter Bilanzdaten und mieser Börsenkurse sind in letzter Zeit die Vorstände vieler Aktiengesellschaften ins Schussfeld geraten. Zuletzt musste sich Telekom-Chef Ron Sommer - stellvertretend für viele seiner Kollegen - gegen massive Vorwürfe wehren: Die Top-Manager der Wirtschaft hätten abgezockt, während Arbeiter und Angestellte um ihre Jobs bangen und Aktionäre bei sinkenden Kursen in die Röhre schauen.

Und wie steht es um die Aufsichtsräte? Allenfalls einmal im Jahr auf den Hauptversammlungen bekommen die Aktionäre „ihre“ Kontrolleure zu Gesicht. Ansonsten agieren die Damen und Herren Aufseher im Hintergrund - kaum jemand kennt ihre n. Es sei denn, ein prominenter Vorstand wie Breuer oder Ex-VW-Lenker Ferdinand Piëch tauschen den Chefsessel des Konzerns mit dem Ratsjob.

Nach dem Gesetz sind alle Aktiengesellschaften verpflichtet, einen Aufsichtsrat zu installieren. Dessen Mitglieder sind Vertreter der Arbeitnehmer und der Kapitaleigner - auch das ist geregelt, im Mitbestimmungsgesetz. Aufgabe des Rates ist es, den Vorstand zu bestellen, im Zweifel natürlich auch zu feuern und die Geschäfte des Unternehmens zu überwachen. Die Hauptversammlungen werden vom Vorsitzenden des Aufsichtsrates geführt. Managementfunktionen wie in anderen Ländern hat der deutsche Aufsichtsrat nicht - bislang nicht. Pleiten, Pech und Pannen und die Globalisierung veranlassten den Gesetzgeber, die Rolle der Räte neu zu definieren. Sie sollen mehr denn je Berater- und Experte für den Vorstand spielen ohne jedoch ins Tagesgeschäft einzugreifen. Kurz vor der Verabschiedung durch die politischen Gremien ist gerade ein weiteres Finanzmarktförderungsgesetz, dass den Aufsehern nicht nur mehr Pflichten, sondern auch mehr Rechte einräumt.

Diese Professionalisierung der Aufsichtsräte, sagt Evers, ist ohne Alternative. Experten sind aber nicht für ein Taschengeld zu bekommen. „Das Amt ist so wichtig, dass wir das nicht Amateuren überlassen können.“ Auch die zahlreichen Pleiten am Neuen Markt hätten gezeigt, wie wichtig kompetente Beratung ist, „Aufsichtsräte müssen Sparringspartner der Vorstande sein“.

Schlechte Bezahlung signalisiert aber noch etwas anderes: Das Aufsichtsratsmandat ist ein Nebenjob. Pleiten wie die des Baukonzerns Holzmann werfen denn auch die Frage auf, ob die üblichen vier Sitzungen im Jahr wirklich ausreichen, um komplizierte Geschäfte eines großen Konzerns auch nur halbwegs zu überblicken. Die Boards amerikanischer Unternehmen tagen mindestens doppelt so häufig - und auch das reicht zuweilen nicht aus, um Schieflagen rechtzeitig zu erkennen wie die Skandale um Enron oder Tyco zeigen.

Hinzu kommt: Berufsaufsichtsräte mit Managementerfahrung und genügend Zeit für ihre Aufgaben gibt es nur wenige in Deutschland. Klaus Liesen etwa, der ehemalige Ruhrgas-Chef, zählt dazu oder der langjährige Schering-Vormann Giuseppe Vita. Als aktiver Vorstand eines Konzerns aber zugleich in den Räten mehrerer Gesellschaften mitzuwirken, ist fast unmöglich, jedoch gängige Praxis. Die Häufung von Mandaten ist denn auch ebenso Stein des Anstoßes wie die mangelhafte Qualifikation der Kontrolleure. Doch was hindert die Unternehmen daran, ihre Räte besser zu bezahlen? Das sind die Aufseher selbst, die es oft gar nicht nötig haben, üppige Vorstandsbezüge aufbessern zu müssen.

Hinzu kommt das komplizierte Prozedere, denn erst die Hauptversammlung kann Gehaltsaufbesserungen genehmigen. Selbst die Arbeitnehmervertreter haben kein besonders großes Interesse an Supergagen. Sie kassieren zwar die gleichen Beträge wie ihre Kollegen von der Kapitalseite, müssen das Geld aber weitgehend abführen. Davon profitieren dann gewerkschaftseigene Einrichtungen, die Hans-Böckler-Stiftung des DGB beispielsweise. Das hindert die Gewerkschafter aber nicht daran, gute Arbeit zu leisten. In vielen Unternehmen zählen sie zu den bestinformierten Räten.

Allen Initiativen zur Förderung des deutschen Finanzmarktes zum Trotz scheint selbst der Staat kein hohes Interesse an einer perfekten Unternehmensaufsicht zu haben: Denn nach den Steuergesetzen dürfen Vergütungen für Aufsichtsräte von den Unternehmen nur zur Hälfte als Betriebsausgabe abgesetzt werden. „Völlig unsinnig“, wettert Kienbaum-Berater Evers. Das signalisiere doch „nur Ehrenamt.

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