Wirtschaft : Großer Bahnhof für Lidl

Die Bahn verkauft Billigtickets über den Discounter und verprellt damit ihre Stammkunden

Heike Jahberg

Berlin – Verbraucherschützer haben mit Sorge auf die neue Exklusivkooperation zwischen der Deutschen Bahn und dem Lebensmitteldiscounter Lidl reagiert. „Die Bahn darf keine reine Billigpreisstrategie fahren“, sagte Christian Fronczak vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) dem Tagesspiegel. Die Bahn verkauft im Mai in einer zehntägigen Sonderaktion erstmals über einen Einzelhändler Billigtickets für Bahnfahrten innerhalb Deutschlands (siehe Kasten) . „Wir wollen mit diesem Angebot neue Kunden gewinnen“, betonte Jürgen Büchy, Vertriebschef Personenverkehr der Deutschen Bahn, am Freitag in Berlin.

Verbraucherschützer halten das zwar für einen „legitimen und interessanten Vertriebsweg“, befürchten jedoch, dass dieses zu Lasten der Stammkunden gehen könnte. Sie warnen vor einer Quersubventionierung der neuen Billigkontingente über die regulären Fahrpreise und eine weitere Einschränkung der Serviceangebote. Es dürfe nicht ein einziger Schalter wegen der neuen Kooperation geschlossen werden, warnte Fronczak. Außerdem müsse die Bahn jetzt auch an ihre Stammkunden denken. „Warum gewährt die Bahn nicht endlich auch mal ihren langjährigen Kunden besondere Rabatte?“ meint der vzbv-Sprecher. Nur noch 17 Prozent der Reisenden im Fernverkehr zahlen die regulären Fahrpreise, über 80 Prozent der Kunden nutzen Rabatte in Form von Bahncards, Sparpreisen oder anderen Sonderangeboten.

Mit dem neuen Vertriebskanal Lidl will die Bahn jedoch bewusst Menschen ansprechen, für das Bahnfahren bisher noch nicht in Frage kam, begründet Büchy den ungewöhnlichen Vertriebsweg. Die Tickets sind günstig: Sie rechnen sich bereits für eine Bahnfahrt ab etwa 160 Kilometern, beispielsweise für eine Reise von Berlin nach Hamburg. Kinder unter sechs Jahren fahren kostenlos mit. Die Fahrkarten werden verkauft, so lange der Vorrat reicht. Es gebe „ausreichend viele“ Tickets, betont Bahn-Sprecher Achim Stauß, die Chance, eine Karte zu bekommen, sei aber natürlich am ersten Verkaufstag am größten. Die Aktion dauert vom 19. bis zum 28. Mai.

Die Lidl-Fahrkarte gilt für eine einfache Fahrt in der zweiten Klasse an jedem Tag, ohne vorherige Reservierung und für jede beliebige Strecke, auch im ICE. Eine Kontigentierung wie bei den bisherigen Sparpreisen gibt es nicht. Die Bahn erwartet eine starke Resonanz. Allerdings glaubt Stauß nicht, dass es im Zuge der neuen Aktion zu Überlastungen kommen wird: „Wir befördern im Fernverkehr jeden Tag 320 000 Fahrgäste, da fallen die zusätzlichen Tickets nicht ins Gewicht.“ Ob die Kooperation mit Lidl ein einmaliges Ereignis bleiben wird oder ob sie – möglicherweise mit einem anderen Partner – fortgesetzt wird, will die Bahn am Ende der Aktion entscheiden.

Nach Meinung von Branchenexperten ist die Wahl nicht zufällig auf Lidl gefallen. Für die Aktion braucht die Bahn ein Handelsunternehmen, das bundesweit vertreten ist. Im Lebensmittel-Discountgeschäft ist Lidl die Nummer zwei hinter Aldi, gilt aber als moderner und innovativer und hat den Ehrgeiz, dem Branchenprimus Paroli zu bieten. Außerdem führt Lidl, anders als Aldi, die vor allem auf Handelsmarken setzen, Markenprodukte.

Das Beispiel Lidl könnte nach Meinung des Einzelhandelsverbands Schule machen. „Wir haben die meisten Kundenkontakte in Deutschland“, sagte Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), „wir sind der maßgeschneiderte Vertriebsweg für den Verkauf standardisierter Produkte.“ Schon heute vertreibe der Handel auch Finanzdienstleistungen oder Pauschalreisen, allerdings nur solche ohne hohen Beratungsbedarf. „Warum sollen wir in Zukunft nicht auch Flugtickets verkaufen?“ betonte der HDE-Sprecher.

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