Wirtschaft : Großunternehmen sind im Osten die Ausnahme

Energieversorger an der Spitze / Weiterer Stellenabbau

BERLIN.In der ostdeutschen Industrie bilden sich langsam tragfähige Strukturen, auch wenn die Umsatzhitliste anderes vermuten läßt.Die Erlöse der zehn größten Industrieunternehmen in den neuen Ländern erreichen zusammen nach Angaben des "Handelsblatts" gerade einmal das Volumen der Ruhrkohle AG, der Nummer 27 der deutschen Großunternehmen.Die Industrie ist noch immer die Achillesferse der Ostwirtschaft.Nach der Wende hat sie einen völligen Strukturwandel hinter sich gebracht.Weite Teile der Investitionsgüterindustrie haben ihre Bedeutung nahezu verloren.Der Maschinenbau, einst der wichtigste Industriezweig der DDR, hat nur noch einen Anteil von neun (1991: 17) Prozent an der ostdeutschen Industrieproduktion.Immerhin hat sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes in Ostdeutschland am Produktionsvolumen des gesamten Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland von vier Prozent (1991) auf 6,3 Prozent (1996) erhöht.Mit rund 125 Mrd.DM Umsatz sind die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes mit 6,1 Prozent am gesamtdeutschen Umsatz des Verarbeitenden Gewerbes beteiligt. Eine Branche dominiert deutlich das Bild.Allein sechs Energieversorger finden sich unter den Top 16.Die von den Stromgiganten RWE Energie, Preußenelektra und Bayernwerk kontrollierte Veag führt die Liste mit ihren zur Zeit knapp 9000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 5,5 Mrd.DM deutlich an.Die Stromproduzenten und -verteiler profitierten davon, daß sie die gewachsenen DDR-Strukturen übernehmen konnten, die sie schrittweise modernisieren.Jetzt müssen die Versorger allerdings mit sinkendem Absatz und steigender Eigenerzeugung von Industrie und Kommunen fertig werden, was Umsatzzuwächse in absehbarer Zeit ausschließt.Die Energieversorger sind allesamt damit beschäftigt, den Personalstand weiter zu reduzieren.Allein die Veag will noch mehr als 3000 Stellen abbauen.Auch die Lausitzer Braunkohle AG und Adtranz schleppen einen noch viel zu hohen Personalstand im Vergleich zu ihren erzielten Umsätzen mit sich herum.Im vergangenen Jahr lag die Produktivität im Vergleich zu Westdeutschland im Durchschnitt bei 60 Prozent.Um diese Relation zu verbessern, werden noch Arbeitsplätze abgebaut. Der ostdeutsche Umsatzprimus Veag findet sich lediglich auf Position 83 der vom "Handelsblatt" ermittelten 100 größten Unternehmen wieder.Die Jenoptik AG, die ihr Vorstandschef Lothar Späth als "einzig rein ostdeutsches Großunternehmen" bezeichnet, ist erst gar nicht unter den Top 100 aufgeführt.Demnach jetzt von der "hoffnungslosen Industriebrache" in Ostdeutschland zu sprechen, ist indes ebenso unangebracht wie das geflügelte Wort von den "blühenden Landschaften".Wenn Siemens eine Chip-Fabrik in Dresden für 2,7 Mrd.DM baut und die modernsten Werke von VW und Opel in Mosel und Eisenach stehen, ist das sicherlich mehr als nur eine verlängerte Werkbank des Westens oder das Abzocken von Subventionen.Wenn deutsche und ausländische Unternehmen mit Unterstützung des Bundes für eine Gesamtinvestitionssumme von 8,8 Mrd.DM den Chemiestandort Leuna erhalten und dadurch 9500 von ehemals 27 000 Arbeitsplätzen eine Zukunft geben, ist das ein Erfolg.Zumal sich am Standort bereits rund 130 kleinere Unternehmen um die 17 produzierenden Chemiebetriebe herum angesiedelt haben. Ehemals als hoffnungsloser Fall abqualifiziert, schreibt der aus dem Trabant-Hersteller in Zwickau hervorgegangene Autozulieferer Sachsenring Automobiltechnik AG seit dem vergangenen Jahr schwarze Zahlen.Sicher hängt der Erfolg von Sachsenring mit der Nähe zum VW-Werk zusammen.Aber es ist immerhin ein Beispiel dafür, welche positive Ausstrahlung vereinzelte Großinvestitionen auf die umliegenden Wirtschaftsstrukturen haben.Allerdings haben viele ostdeutsche Unternehmen Schwächen im überregionalen Absatz.Der Aufbau einer Wirtschaft, die sich auch im überregionalen Wettbewerb behaupten muß, braucht Zeit. Beschleunigen können diesen Prozeß die Investitionen der westdeutschen Großunternehmen.Bayer etwa verlagerte die Produktion für den europäischen Markt von Aspirin und Arzneimitteln zur Selbstmedikation nach Bitterfeld.Insgesamt hat Bayer bislang 920 Mill.DM in den neuen Ländern investiert und dadurch 800 Arbeitsplätze mit Zukunft geschaffen.Rund 1,3 Mrd.DM steckte BASF in den Ausbau von Schwarzheide und hat damit rund 2000 Arbeitsplätze geschaffen, die hinsichtlich ihrer Produktivität nach Aussage der Geschäftsführung mindestens gleichauf mit Westdeutschland liegen.Bosch steht dem kaum nach: An sechs Standorten setzen Tochtergesellschaften der Schwaben mit 3500 Beschäftigten jährlich rund 1,2 Mrd.DM um.Die Telekom gehört mit Investitionen von 50 Mrd.DM gemeinsam mit Post und Bahn zu den größten Investoren, die in den neuen Ländern eine moderne Infrastruktur entstehen lassen - wichtige Vorraussetzung für Aufbau und Ansiedlung einer wettbewerbsfähigen Industrie.MARTIN W.BUCHENAU

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar