Wirtschaft : Gründer-Zeit

Arbeitslose Manager kommen den Steuerzahler teuer zu stehen. Darum erhalten sie nun eine spezielle Starthilfe zur Existenzgründung. Drei Beispiele, die Mut machen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen

Claudia Obmann

„Mir reicht es, ich werde mein eigener Chef“, entschied Ingenieur Peter Grundig. Zweimal hatte der 47-Jährige für einen Mikroelektronikhersteller schon Marketing und Vertrieb für verschiedene Länder aufgebaut. Dann aber wurde sein Arbeitgeber von einem Konkurrenten übernommen – und Grundig musste erneut gehen.

Personalchef Olaf Peters, verantwortlich für 1800 Mitarbeiter eines Pharmaunternehmens, wickelte selbst Kündigungen ab, als sein Arbeitgeber vor fünf Jahren nach Schweden verkauft wurde. Bis es zuletzt auch für den damals 43-Jährigen hieß: Ab zum Arbeitsamt. „Das war frustrierend. Geben Sie mal ,Personaldirektor' in die Datenbank der Jobvermittlung ein – da gibt es keine Treffer.“

Eine passende Anstellung fand sich auch für Reiner Wolf nicht, als 2004 der Vertrag des Geschäftsführers des saarländischen Entsorgerverbandes nicht verlängert wurde. Mit 50 Jahren stand der Maschinenbau-Ingenieur, der zuvor fast 20 Jahre für den Bau von Großanlagen verantwortlich war, auf der Straße.

Abgefunden, abgewickelt, ausgetauscht. So unterschiedlich der Werdegang von Vertriebsleiter Grundig, Personalchef Peters und Geschäftsführer Wolf im Detail verlief – eine große Gemeinsamkeit haben sie doch: Nach ihrer Entlassung besuchten sie das Phönix-Programm der Bundesagentur für Arbeit (BA).

In diesem weithin unbekannten Crashkurs werden Existenzgründer auf ihre Zukunft als selbstständige Unternehmer vorbereitet. In Einzelcoachings prüfen zudem Steuer- und Finanzierungsexperten die frisch entwickelten Geschäftsmodelle.

Pro Teilnehmer wendet die Bundesagentur rund 4000 Euro auf, um die hochgebildete, aber für die Behörden teure Klientel möglichst dauerhaft als Kundschaft loszuwerden. Insgesamt rund 600 Ex-Manager haben den Phönix-Kurs im vergangenen Jahrzehnt absolviert. Zum Vergleich: Jährlich werden mehrere Tausend Führungskräfte in Deutschland entlassen.

Wer es zu Michael Kroheck in den Gründer-Workshop schafft, hat laut Eignungstest so etwas wie ein „Unternehmer-Gen“: „Diese Manager schätzen ihre Leistung realistisch ein, verfügen über Durchhaltevermögen, eine hohe Frustrationstoleranz und emotionale Stabilität“, sagt der Kursleiter.

Der gelernte Werbekaufmann, der schon als Schüler sein erstes Unternehmen – eine Künstlervermarktung – gründete, wirkt als Impulsgeber. Eine konkrete Gründungsidee müssen die Kursbesucher zu Beginn nicht haben. Um ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, steuert das Phönix-Team Zukunftstrends und Marktanalysen bei. Zuallererst aber werden die Teilnehmer desillusioniert. Aus gutem Grund: Etwa die Hälfte aller Gründer scheitert in den ersten fünf Jahren, weil sie Arbeitsaufwand und Kosten unterschätzen. Dazu kommt noch ein Trugschluss: „Hat ein angestellter Manager rund 150 000 Euro Jahresgehalt erzielt, ist es meist illusorisch zu denken, so viel auch als Selbstständiger verdienen zu können“, sagt Kroheck.

Personalexperte Peters, Vater von drei Kindern, wagte es trotzdem. „Ich wollte mich von der trügerischen Sicherheit einer Festanstellung nicht länger beherrschen lassen“, sagt er. Als Spezialist für Veränderungsprozesse berät Peters seit fünf Jahren Entscheider, vom Vorstand bis zum Finanzinvestor. Außerdem lässt er sich als Personalmanager auf Zeit engagieren. Im vergangenen Jahr war der heute 48-Jährige für 220 Tage im In- und Ausland gebucht, sein Einkommen liegt deutlich über dem Niveau früherer Festanstellungen. „Die größere Vielfalt meiner Aufgaben gefällt mir, aber mancher Einsatz bedeutet auch lange Abwesenheit von der Familie.“

Von ihren Erfahrungen berichten die erfolgreichen Ehemaligen auch den Phönix-Newcomern. Reiner Wolf zum Beispiel weiß: „Wer gründen will, muss runter von eingefahrenen Gleisen.“ Der heute 56-Jährige, der sich bei der Tierbestattungskette Anubis als Franchisenehmer einkaufte, hat im sechsten Jahr seit der Gründung endlich sein Auskommen und sagt, auch wenn er im Vergleich zu seinem früheren Einkommen als Geschäftsführer deutlich weniger verdient: „Es macht Freude, mein eigener Herr zu sein.“

Die Geschäftsidee kam ihm, als sein Hund starb und er nach einer Alternative zur Tierverwertungsanstalt suchte. Wolf beschäftigt heute zwei Mitarbeiter. Seine Kunden finden online zu ihm, aber auch auf Empfehlung von Tierärzten. Krohecks Rat, ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen, hat Wolf umgesetzt.

„Mich hat besonders der Zuspruch der anderen Phönix-Teilnehmer bestärkt zu gründen“, sagt Ex-Vertriebschef Grundig. Der lizenzierte Amateurfunker machte sein Hobby zum Beruf. Seit sieben Jahren konstruiert, produziert und vertreibt der heute 56-Jährige mit zwei Angestellten innovatives Funkzubehör.

Und manchmal sorgt die neu gegründete Existenz sogar für Impulse bei der nächsten Generation: Grundigs Sohn Christoph kümmert sich um die Unternehmenskommunikation – spätere Nachfolge auf dem Chefsessel der noch jungen Firma nicht ausgeschlossen. (HB)

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