Wirtschaft : Gründerboom in Berlin

Mehr als 27000 Unternehmen gingen 2004 in der Hauptstadt an den Start – die meisten jedoch als Ich-AGs

Anselm Waldermann

Berlin - Seit Jahren wurden in Berlin nicht mehr so viele neue Unternehmen gegründet wie 2004. Allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres stieg die Zahl der Neugründungen auf 27362 – ein Plus von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Gewerbestilllegungen ist hingegen um ein Prozent auf 16999 gesunken. Dies geht aus dem Berliner Gründerindex hervor, den der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Semlinger am Dienstag im Auftrag der Bürgschaftsbank Berlin vorgestellt hat.

Doch was auf den ersten Blick gut aussieht, macht Fachleute zunehmend unglücklich: Denn mehr als vier Fünftel der neu gegründeten Firmen sind Einzelunternehmen, die keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigen. Vielmehr sind die meisten der neu gegründeten Unternehmen so genannte Ich-AGs – und die machen regulären Betrieben immer mehr Probleme.

„Der Gründerboom schafft keinen einzigen neuen Arbeitsplatz“, sagte Arne Lingott von der Berliner Handwerkskammer dem Tagesspiegel. Oft gefährdeten neu gegründete Einzelunternehmen sogar bestehende Arbeitsplätze. Denn wer sein Unternehmen als Ich-AG anmeldet, erhält drei Jahre lang staatliche Unterstützung. „Das ist unlauterer Wettbewerb“, klagte Lingott; reguläre Betriebe würden dadurch „wegkanibalisiert“.

Auch Wolf Burkhard Wenkel, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg, kann dem Gründerboom nicht viel Gutes abgewinnen: „Die vielen Ich-AGs führen zu Existenzvernichtungen“, klagte er. Andere Baubetriebe könnten mit ihnen kaum konkurrieren – schließlich seien Ich-AGs weder an Tariflöhne noch an gesetzlich vorgegebene Arbeitszeiten gebunden. Durch die Fördergelder seien sie zudem „hochgradig subventioniert“. „Das ist ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb“, sagte Wenkel.

Darüber hinaus seien viele der neuen Unternehmer nur scheinselbstständig. Früher hätten sie noch als Arbeitnehmer gearbeitet, doch dann seien sie von ihren Arbeitgebern entlassen worden. Als Arbeitslose hätten sie so die staatliche Förderung als Ich-AG bekommen. „Wenig später haben sie dann wieder auf der gleichen Baustelle angefangen“, sagt Wenkel. Dies erkläre, warum im vergangenen Jahr auf 1500 neue Ich-AGs am Bau genauso viele Bauarbeiter kamen, die arbeitslos wurden.

Auch Wirtschaftsexperte Semlinger führt den Gründerboom auf einen „massiven Zuwachs an arbeitsmarktpolitisch gestützten Gründungen“ zurück. Von den insgesamt rund 27000 Neugründungen seien 20000 aus arbeitsmarktpolitischen Gründen gefördert worden – vor allem als Ich-AG. Mittlerweile entfielen 82 Prozent aller Neugründungen auf Einzelunternehmer, die keine Mitarbeiter beschäftigen. 1997 hatte der Anteil noch bei 60 Prozent gelegen.

Nicht nur in absoluten Zahlen konnte Berlin einen starken Gründungstrend verzeichnen. Auch in Relation zu den Erwerbspersonen stieg die Zahl der Gründer. So kamen in den ersten neun Monaten 2004 auf 10000 Erwerbspersonen 153 Gründungen – im Vorjahr waren es nur 126 gewesen.

Die meisten neuen Unternehmen entstanden wie schon im Jahr 2003 im Sektor der unternehmensnahen Dienstleistungen mit einem Anteil von 29 Prozent. Auf Platz zwei folgte der Handel mit 27 Prozent. Auf Platz drei in der Rangfolge kam mit 14 Prozent das Baugewerbe, das damit an den sonstigen öffentlichen und privaten Dienstleistungen mit zehn Prozent vorbeigezogen ist. Das Gastgewerbe war 2004 die einzige Branche, die mehr Stilllegungen verzeichnen musste als Neugründungen. Im vorvergangenen Jahr hatte dies auch noch für das Baugewerbe und das verarbeitende Gewerbe gegolten.

Im Gründerindex werden nur tatsächliche Neugründungen von Unternehmen gezählt. Wechsel in der Geschäftsführung oder Gründungen von Filialen werden nicht mit eingerechnet.

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