Gründerinnennetzwerke : Frauen geht es nicht um Geld und Ruhm

Deutsche Start-ups sind immer noch eine Männer-Welt. Gründerinnennetzwerke wollen das ändern.

Baran Korkmaz
Selbstständig werden – aber wie? Auf der deGUT geht es am Sonnabend auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof in der Ausstellerhalle (Marktplatz) von 13.50 bis 14.20 Uhr in einer Talkrunde um das Thema „Frauen unternehmen was!“.
Selbstständig werden – aber wie? Auf der deGUT geht es am Sonnabend auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof in der...Foto: deGUT

Am Anfang steht meist ein Problem. Und im besten Falle auch eine Idee. So erging es auch den Freundinnen Julia Depis und Judith Trifonoff. Depis ist Designerin und Illustratorin und hatte eine Produktidee, war sich aber nicht sicher, ob diese überhaupt am Markt angenommen wird. „Wir haben dann etwas recherchiert und festgestellt, dass es keine Seite gibt, die Designern eine Möglichkeit bietet, ihr Produkt zu präsentieren, den Markt zu befragen und erst dann zu produzieren, wenn eine gewisse Abnahme gesichert ist. Schnell war klar, dass wir das ändern möchten, wollen und müssen“, sagt Mitbegründerin Trifonoff. Und schnell war „Newniq“ als Online-Plattform für Designer und Designliebhaber geboren.

Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend liegt der Frauenanteil an Führungskräften in der Privatwirtschaft mit gerade einmal knapp einem Drittel unter dem EU-Durchschnitt. Und bei Start-ups sind Frauen sogar deutlich unterrepräsentiert: Der deutsche Start-up Monitor hat für das Jahr 2014 festgestellt, dass nur rund 10,7 Prozent der Gründer weiblich sind. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 2,1 Prozent.

Auffällig ist, dass Frauen im Verhältnis zu Männern öfter allein ein Unternehmen gründen. Während rund jede dritte Frau diesen Schritt für sich allein wagt, riskiert bei Männern nur jeder Fünfte den Schritt einer Sologründung.

"Frauen gründen häufiger in sozial ausgerichteten Dienstleistungen"

Dies hat verschiedene Gründe. Ulla Schweitzer von der „Gründerinnenzentrale“ – einer Anlaufstelle für gründungsinteressierte Frauen in Berlin – glaubt, dass Frauen nicht nur einen schlechteren Zugang zu Geld haben, sondern auch sicherer planen, sparsamer sind, weniger risikobelastet agieren und sich öfter scheuen, einen Kredit aufzunehmen. Und im Hinblick auf Start-ups, die sich maßgeblich über Innovationen definieren, seien immer noch alte Rollenbilder sehr präsent. „Frauen gründen häufiger in helfenden und sozial ausgerichteten Dienstleistungen. Erfolgsfaktoren definieren sich für Frauen nicht nur über Ruhm und Reichtum, sondern über sinnvolle Arbeiten.“

Diese Erfahrung hat auch Angelika Cummerow vom „economista e.V.“ gemacht. Seit 1989 bietet der Verein Frauen Raum und Zeit für die persönliche Entwicklung von Geschäftsideen und fundiertes Basiswissen für die Umsetzung. In ihrer 15-jährigen Tätigkeit bei „economista“ hat sie festgestellt: „Der Wille zur Unternehmensgründung hat sich merklich erhöht. Immer mehr wollen ihr Leben selbst bestimmen und unabhängig sein.“ Nur, die Bedingungen und Anreize ein Unternehmen zu gründen, hätten sich in den letzten 20 Jahren eher verschlechtert – trotz Quotenregelungen, Frauenförderprogrammen und einer höheren Sensibilität für Gleichstellung in Politik und Wirtschaft.

Die Gründe dafür seien aber nicht nur in der mangelnden Unterstützung durch Politik und Wirtschaft zu suchen. Vielmehr seien bis heute Vorbehalte im privaten Umfeld ein entscheidender Faktor. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Schweitzer: „Frauen bekommen nach wie vor weniger Unterstützung. Gar nicht so sehr im Hinblick auf die Doppelbelastung Familie und Arbeit. Viel fataler ist die geringe Unterstützung für die Arbeit durch zum Beispiel den Partner. Manche müssen selbst in der Familie ihre Berufstätigkeit verteidigen.“

Persönlicher Einsatz und Überzeugung sind entscheidend

Daher ist es auch so wichtig, sich untereinander zu vernetzen, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen und sich gegenseitig zu unterstützen. Gerade in der digitalen Szene haben sich in den letzten Jahren Netzwerke von Frauen etabliert, die wirtschaftliche Möglichkeiten im Internet und der Technik aufzeigen wollen. Darunter Netzwerke wie „Geekettes“, „Girls on Web Society“, „Femgeeks“ oder „Rails Girls Berlin“. Denselben Ansatz verfolgt Cummerow in ihrer Arbeit: dass Frauen, die sich bei „economista“ schulen lassen, miteinander arbeiten, sich nicht als Konkurrentinnen wahrnehmen, sondern sehen, wie man sich gegenseitig unterstützen und austauschen kann. So entstünden letztlich auch Vorbilder, die der Realität entsprechen.

Entscheidend aber bleiben persönlicher Einsatz und Überzeugung. Diese Erfahrung zumindest haben die Start-up- Gründerinnen von „Newniq“ gemacht: „Wir persönlich können nicht unbedingt behaupten, dass es besondere Schwierigkeiten für uns als Frauen in der digitalen Welt gibt. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem unsere Gegenüber gesehen haben, was hinter ,Newniq‘ und unserer Idee steckt, hatten wir nur noch Gespräche auf absoluter Augenhöhe“, sagt Trifonoff.

Seit knapp einem Jahr ist „Newniq“ nun im Geschäft und bisher habe man sich eine gute Basis an Fans, Followern, Kunden und Abonnenten aufbauen können. Auf Dauer würden sich schließlich immer gute Ideen mit ebenso guter Umsetzung und einem guten Gründerteam durchsetzen. „Motivation, Organisation, Ehrgeiz und einfach Riesenspaß und Herzblut an der Sache: Das war für uns schon mal die halbe Miete.“

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