Gründerzeit 21 : Ideen sind nicht alles

Der Tagesspiegel hat eingeladen, die Gründer kamen. Experten gaben Tipps für den erfolgreichen Start, zeigten sich euphorisch oder von der Bürokratie genervt. Doch am Ende herrschte Optimismus auf breiter Front.

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Steuerrechtsexperte Tim Dümichen (links) diskutierte über die Trennung von privater und geschäftlicher Finanzierung. Unter der Überschrift „Kapital und Politik“ ging es um staatliche Förderwege.
Steuerrechtsexperte Tim Dümichen (links) diskutierte über die Trennung von privater und geschäftlicher Finanzierung. Unter der...Fotos: Mike Wolff

Berlin - Wer als Unternehmensgründer Erfolg haben will, muss nachts gut schlafen können, sollte sich tagsüber selbstbewusst verkaufen können und eine gute Gesundheit haben, die es zulässt, 14 bis 16 Stunden pro Tag für das eigene Start-up zu arbeiten. – Mit ungewöhnlich lebensnahen Empfehlungen überraschten die Experten der Konferenz „Gründerzeit 21“ von Tagesspiegel, Weberbank und VBKI am Montag die mehr als 200 Teilnehmer. „Eine gute Idee allein reicht nicht“, sagte der erfolgreiche Investor Peter Zühlsdorff. „Unternehmerwille und Realitätssinn sind genauso wichtig.“

Zühlsdorff, langjähriger Wella-Chef und Mitglied in Aufsichtsräten großer Unternehmen, muss es wissen. Er hat ungezählte Geschäftspläne geprüft – und trotzdem Geld verloren. Ohne Risiko keine Rendite. „Ich habe mich letztlich immer an den Menschen orientiert“, sagte der gebürtige Berliner. Die Erfolgsgeschichten von Apple, Facebook und Co. belegen, dass eine gute Idee eine überzeugte und überzeugende Unternehmerpersönlichkeit braucht, die sie verkaufen kann. Im Großen wie im Kleinen. Diese Erfahrung hat auch Kai Desinger vom High-Tech- Gründerfonds gemacht, der 5000 Businesspläne „gescannt“ hat: „Ein Super-Managementteam kann auch einer mäßig originellen Geschäftsidee zum Erfolg verhelfen – umgekehrt ist es schwieriger.“

Doch während man Persönlichkeit nicht kaufen kann, lassen sich Ideen, Businesspläne und Kapital mit persönlichem Einsatz und finanziellem Wagemut zusammenbringen – besonders in Berlin. Hier haben Gründer aus der Internet-, Dienstleistungs- oder Technikszene in den vergangenen Jahren eine Menge zusammengebracht, nicht zuletzt Kapital. Allein im laufenden Jahr werden Investoren Schätzungen zufolge rund 250 Millionen Euro in Berliner Start-ups stecken. Dabei spielen allerdings VC-Gesellschaften (VC = Venture Capital), die Wagniskapital in der zweiten und dritten Finanzierungsrunde zur Verfügung stellen, eine immer kleinere Rolle. Kein gutes Zeichen: Manchem Gründer könnte in der Wachstumsphase deshalb finanziell die Puste ausgehen.

„Berlin hat einen guten Nährboden“, sagte Ulrich Kissing, Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin. „Wir müssen aber aufpassen, dass wir uns nicht in einen Hype hineinreden, ohne Substanz nachzulegen – auch politisch.“ Dass Berlin und Deutschland beim Thema Start-up-Finanzierung durchaus Nachholbedarf haben, zeigt der Blick in die USA. Dort wurden nach Angaben von Markus Voigt, Präsident des Vereins Berliner Kaufleute (VBKI), 2011 rund 30 Milliarden Dollar (23 Milliarden Euro) Risikokapital investiert – das entspricht etwa 0,2 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. „In Deutschland waren es rund 690 Millionen Euro – nur etwa 0,027 Prozent unserer Wirtschaftsleistung“, sagte Voigt. Auch dies sei ein Grund dafür, warum Facebook aus den USA komme.

Eine solide finanzielle Ausstattung ist aber nicht nur für das junge Unternehmen wichtig, sondern auch für den Unternehmer und seine Familie. Darauf wies Klaus Siegers, Vorstandsvorsitzender der Weberbank, hin. „Nur, wer auch privat geplant hat, kann das Wagnis eingehen, ein Unternehmen zu gründen“, sagte der Banker. Dabei geht es nicht vorrangig um Geld. Siegers berichtete von einem Gründer, der nach einem schweren Fahrradunfall seine Firma sich selbst überlassen musste, weil er versäumt hatte, einem Mitarbeiter eine Verfügungsvollmacht für das Geschäft zu geben. „Sortieren Sie das Private und lassen Sie sich beraten“, empfahl der Weberbank-Chef den Konferenz- Teilnehmern. Der „private Business- Case“ werde häufig vernachlässigt. Das, was VBKI-Präsident Voigt die „Mühen der Ebene“ im Gründergeschäft bezeichnete, betrifft demnach auch die private Vorsorge: Zur Auseinandersetzung mit Arbeits-, Steuer- und Gesellschaftsrecht sollte die Beschäftigung mit privaten Versicherungen und Geldanlagen kommen.

Nicht jeder ist hier gleich Experte, Nachfragen bei anderen Gründern helfen weiter. Berlin, so die einhellige Meinung der Diskussionsteilnehmer, bietet hervorragende Kontaktmöglichkeiten. „In Europa gibt es keine Stadt, wo es so einfach ist, anzukommen und Erfolg zu haben“, sagte VBKI-Präsident Voigt.