Grüne Technik : Neuer Antrieb für Siemens

Der Technologiekonzern Siemens will mit grüner Technologie überdurchschnittlich wachsen - Elektromotoren zählen dazu.

Thomas Magenheim
Elektrische Dienstfahrten. Der E-Smart ist Teil des Siemens-Fuhrparks. Foto: promo
Elektrische Dienstfahrten. Der E-Smart ist Teil des Siemens-Fuhrparks. Foto: promo

München - Reinhold Achatz ist ehrlich. So manches grüne Produkt, von dem heute im Zuge des Klimawandels euphorisch gesprochen wird, sei noch weit entfernt von der Marktreife, räumt der Chefforscher des Münchner Technologiekonzerns Siemens ein. Beim Thema Elektroautos leuchten ihm aber die Augen. Siemens habe dafür erste Elektromotoren gebaut, die kaum mehr als modifizierte Antriebe für Werkzeugmaschinen waren. Nun arbeiten jedoch einige der weltweit 30 800 Forscher und Entwickler des Konzerns an einer neuen, auf das Auto der Zukunft zugeschnittenen Motorengeneration. „Das ist ein klassisches Siemens-Thema“, findet Achatz und will die Autoindustrie künftig mit Elektromotoren beliefern.

Das heißt auch, dass grüne Technologie gewachsene Industriestrukturen ins Wanken bringen könnte. Verbrennungsmotoren sind heute noch ein wesentliches Merkmal zur Differenzierung von Automarken. Wenn BMW und Mercedes künftig Siemens unter der Haube haben, würde die automobile Welt anders ticken. Achatz glaubt an einen solchen „dramatischen Paradigmenwechsel“. In Deutschland könnten mit heutiger Elektrotechnologie zehn Millionen traditionelle Fahrzeuge durch Elektroautos ersetzt werden. Denn mit dieser Zahl von traditionellen Fahrzeugen werden statistisch gesehen nur Fahrten bis zu 70 Kilometer zurückgelegt, und das schaffen heutige Batterien.

Die global geplante Energiewende lässt die Münchner auf viele neue Geschäfte hoffen. Um auszuloten, wie neue Technik in Produkte umzumünzen ist und welche Erfindungen nahe der Marktreife sind, hatte Siemens am Dienstag zum Innovationstag nach München geladen. Dazu kamen Siemens-Forscher aus aller Welt. Grüne Technologie ist im Haus ein Innovationstreiber, stellt die im Vorstand unter anderem für Nachhaltigkeit zuständige Barbara Kux klar. Rund 14 000 der insgesamt 56 000 aktiven Siemens-Patente sind grün, sagt sie. Sie entspringen entweder direkt dem Bereich erneuerbarer Energien oder sind Produkte, die Energie deutlich effizienter nutzen als ihre Vorgängergeneration. Siemens hat mit grünen Produkten im Vorjahr 23 Milliarden Euro umgesetzt, das ist ein Drittel aller Geschäfte. 2011 sollen es trotz kriselnder Weltmärkte noch zwei Milliarden Euro mehr sein.

Angesichts dieser Dimensionen verstehen sich die Münchner als weltweit führender grüner Konzern. Derzeit fließt mehr als eine Milliarde Euro in die Entwicklung grüner Technologien, sagt Kux. Das ist mehr als ein Viertel des gesamten Siemens-Forschungsbudgets. Ähnliches spiegelt die Belegschaft wider. Mehr als 100 000 grüne Jobs gebe es bei Siemens weltweit.

Dass die Nachfrage nach innovativer Zukunftstechnologie einbricht, weil Staaten wegen ihrer wachsenden Schuldenlast sparen, befürchten die Münchner nicht. Es gebe zum Beispiel „Energiesparkontrakte“, sagt Achatz. Darunter versteht Siemens, dass öffentliche Kunden zum Beispiel für energetische Sanierung von Schulen oder Krankenhäusern nichts bezahlen müssen. Abgestottert wird die Rechnung über Einsparungen bei der Stromrechnung, die dann auf Jahre Siemens zufließen.

Der Konzern sieht sich im Zentrum der Energiewende. Wenn Strom in Windparks auf See erzeugt und tausende Kilometer über moderne Hochspannungsleitungen fast verlustfrei transportiert wird, um an einer Energieladestation am Supermarkt ein Elektroauto zu befüllen, ist Siemens auf dem ganzen Weg maßgeblich mit von der Partie. 210 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid wurden 2009 nach Berechnungen von Price Waterhouse Coopers weltweit durch Siemens-Produkte eingespart. Die Hälfte mehr soll es 2011 sein. „Wir dürfen nicht warten, bis sich Staaten auf Einsparziele einigen“, sagt Kux. Auch Achatz baut auf die Kraft von Innovationen. Die wesentlichen Änderungen zum Aufbau einer grünen Infrastruktur wird es binnen zehn Jahren geben, schätzt er.

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