Grüne Woche : Der Kampf ums Essen

Viele Menschen sind bereit, für gute Lebensmittel mehr zu zahlen. Doch die Verbrauchermacht wird durch Verbrauchertäuschung unterlaufen. Ein Kommentar.

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Großdemo in Berlin: Zehntausende protestieren gegen Massentierhaltung, Gentechnik und Bienensterben.
Großdemo in Berlin: Zehntausende protestieren gegen Massentierhaltung, Gentechnik und Bienensterben.Foto: Imago

Zu den berühmtesten Erkenntnissen von Karl Marx gehört, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Wer sich die Regale im Supermarkt anschaut und die Expansion der Biomärkte verfolgt, der sieht: Beim Essen ist die Wahrheit komplexer. Hier bestimmt längst auch das Bewusstsein das Sein.
Es sind nicht nur die Zehntausende, die auch an diesem Samstag wieder gegen die Massentierhaltung auf die Straße gegangen sind. Selbst auf der Grünen Woche, bei der die Besucher meist mehr Wert legen auf pralle Wurst- oder Nudeltüten zum Schnäppchenpreis als auf gesundes Essen, sind die Zeichen der Zeit nicht mehr zu übersehen. Nicht nur im Reservat der Biohalle, sondern auch an den traditionellen Länderständen finden sich ganz selbstverständlich Ökoprodukte – neben normaler Industrieware. Und für die wachsende Zahl der Veganer, Vegetarier und Allergiker gibt es auf der Messe in diesem Jahr sogar erstmals eigene Veranstaltungen.
In keinem anderen Bereich haben Verbraucher so viel Macht wie bei der Ernährung. Einige wollen schlicht gesünder leben, andere gezielt die Bauern oder Erzeuger aus ihrer Region unterstützen. Für immer mehr Menschen wird der Kauf von Lebensmitteln aber auch zur Gewissensfrage. Sie wollen keine Bilder von kastrierten Ferkeln mehr sehen oder von männlichen Küken, die schon kurz nach der Geburt getötet werden, weil sie nicht als Legehennen taugen. Das Private wird politisch. Und es ist kein Wunder, dass sich vor allem am Essen der Widerstand gegen das Freihandelsabkommen TTIP entzündet.

Viel versprochen, zu wenig gehalten

Für die Wirtschaft bietet das jede Menge Chancen. Denn wer Wert auf eine bessere Ernährung legt, ist bereit, mehr zu zahlen. Kein Wunder also, dass die Industrie, der Handel und die Bauern mit einer Vielzahl von Labels und Siegeln den Käufern versprechen, dass sie mehr für ihr Geld bekommen – mehr Qualität, mehr Tierschutz, mehr Heimat. Während im Agrarministerium jahrelang über neue Gesetze gebrütet wird, handelt die Wirtschaft. Auch ganz normale Bauern möchten für ihre Tiere jetzt ein bisschen mehr Platz schaffen und die Ställe tierfreundlicher umbauen – wenn der Verbraucher dafür zahlt. Tierwohl durch Marktwirtschaft, warum nicht?
Das Problem: Die neue Verbrauchermacht lädt auch ein zur Verbrauchertäuschung. Noch immer wird beim Essen gelogen, dass sich die Balken biegen. Mehr als die Hälfte der Gesundheitsversprechen werden in Wirklichkeit nicht gehalten, haben Verbraucherschützer kürzlich herausgefunden. Und selbst offizielle Siegel wie die von der EU verabschiedeten Herkunftskennzeichnungen tragen mehr zur Verwirrung bei als Vertrauen zu schaffen. Schwarzwälder Schinken, für den dänische Schweine in polnischen Schlachthöfen getötet werden dürfen und der nur noch zum Räuchern im Schwarzwald landet, ist zwar nach EU-Recht legal, aber nun wirklich kein Produkt, das Heimatgefühle verdient.
Politik und Wirtschaft spielen hier ein gefährliches Spiel. Denn Essen ist Vertrauenssache. Mit halben Wahrheiten lassen sich die mündigen Verbraucher nicht mehr abspeisen. Sie wollen, dass man ihnen reinen Wein einschenkt, egal ob es um Siegel, Werbeversprechen oder Gesetze geht. Nur so können die Menschen wirklich wählen, was sie essen wollen – und welchen Preis sie bereit sind, dafür zu zahlen.

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