Grüne Woche : Die Bauern denken um

Immer mehr deutsche Landwirte sind an einer Verbesserung der Zustände im Stall interessiert. Verschwimmen deshalb die Grenzen zwischen herkömmlicher Produktion und Bio? Nur optisch, kritisieren die Ökobauern.

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Im Blick. Deutsche Bauern überdenken ihre Haltungspraktiken. Foto: AFP
Im Blick. Deutsche Bauern überdenken ihre Haltungspraktiken.Foto: AFP

Das sind ungewohnte Worte – zumindest aus diesem Mund: „Es darf nicht beim Status Quo bleiben. Produktionsverfahren und Haltungsbedingungen müssen verbessert werden. Wir wollen das Thema Tierhaltung intensiv diskutieren“, sagte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, am Mittwoch in Berlin. Ein kleiner Rückblick ins Jahr 2014: Den Tieren gehe es prima, Kühe würden in Deutschland besser ernährt als Menschen, „wir haben keine Massentierhaltung“, betonte derselbe Rukwied damals auf demselben Podium und sprach von „Organisationen, die die Branche gezielt diffamieren wollen“. Damals wirkte es, als hätten die deutschen Bauern vor allem ein Kommunikationsproblem.

Die Wünsche der Verbraucher hören

Heute attestiert der Verbandschef ihnen eine „große Bereitschaft, die Praktiken zu überdenken“. Das offizielle Papier des Bauernverbands zur Grünen Woche steht unter der Überschrift „Veränderung gestalten.“ Klarer Fall: Die Themen Nachhaltigkeit und Tierwohl sind in der Mitte der Landwirtschaft angekommen. So, wie inzwischen die Mehrheit der Bundesbürger Obst und Gemüse aus biologischer Erzeugung kaufe, gebe es auch ein gesteigertes Bewusstsein für die Zustände in den Ställen, bestätigte Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), kurz vor Eröffnung der Messe. Den Wunsch der Kunden nach mehr Nachhaltigkeit und Qualität gäben die Händler an die Industrie weiter, und die an die Erzeuger. „Wir wären schlecht beraten, die Wünsche der Verbraucher zu ignorieren“, erklärte Minhoff. Die Herausforderung bestehe darin, dass die Verbraucher „all das zum gleichen Preis haben wollen.“

Minister Schmidt kommt mit eigenem Siegel

Elke Röder vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sagt: 70 Prozent der Konsumenten seien bereit, mehr für Bioprodukte zu bezahlen, wollten aber sicher sein, dafür auch wirklich Bio zu bekommen. Die Vielzahl an Siegeln sei kontraproduktiv. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) will dieser Tage ein eigenes Tierwohl-Label vorstellen. Gerüchten zufolge könnte es sechseckig sein wie das 2001 eingeführte Bio-Siegel – und damit optisch wieder die Grenzen zwischen herkömmlicher und ökologischer Produktion verwässern.

Anstatt dass man Bauern in einen Siegeldschungel jage, aus dem sie nicht mehr herausfänden, brauche es einen stabilen Rechtsrahmen. „Im Moment wächst Bio vielerorts trotz Politik und nicht wegen ihr“, urteilt der BÖLW. Sinnvoll wäre es zum Beispiel, Kantinen einen Mindestanteil an Bio-Produkten vorzuschreiben, sagt Verbandspräsident Felix Prinz zu Löwenstein. Und Röder plädiert: „Die Politik kann nachhaltigen Konsum mit reduziertem Steuersatz belohnen.“ Drei bis 3,5 Prozent Mehrwertsteuer empfiehlt sie. Minhoff vom BVE lehnt eine Marktlenkung durch Steuern ab. „Das führt nur zu Scheinlösungen.“

Die Krisenjahre sind vorbei

Wie groß der Bewusstseinswandel in der Branche ist, zeige das unerwartet hohe Interesse der Betriebe an der handelseigenen Initiative Tierwohl, bei der vier Cent pro verkauftem Kilo Schweine- und Geflügelfleisch an Bauern gehen, die sich um Steigerungen des Tierwohls bemühen, sagte Rukwied. Inzwischen hätten sich 2400 Betriebe angeschlossen. Damit profitiere bereits jedes fünfte Schwein von besseren Haltungsbedingungen. „Mit Bio hat das aber noch lange nichts zu tun“, mahnt der BÖLW.

Mit Blick auf das neue Jahr zeigten sich sowohl Rukwied als BVE-Sprecher Minhoff nach zwei Krisenjahren „verhalten optimistisch“. Positiv wirke, dass der Milchpreis gestiegen sei und auch die Schweinepreise trotz Schwankungen nicht mehr auf dem Tiefstand verharrten. Die Getreidepreise dümpelten dagegen noch vor sich hin. „Nur liquide Bauern können investieren“, sagte Rukwied.

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