Wirtschaft : Grüne wollen Kontrollsiegel für Restaurants

Experten erwarten neue Gammelfleisch-Skandale

Antje Sirleschtow

Berlin - Die in jüngster Zeit aufgetretenen Fälle von Handel mit verdorbenem Fleisch sind offenbar nur die Spitze eines Eisbergs. „Wir leben in Deutschland seit Jahren mit Gammelfleisch“, sagte jetzt der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen, Matthias Berninger, dem Tagesspiegel am Sonntag. Dass der Handel mit diesem Fleisch bis jetzt nicht öffentlich wurde, ist für Berninger, der bis vor wenigen Wochen Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium war, eine Folge der erst in diesem Herbst verschärften Kontrollen. Die Grünen fordern außerdem schärfere Kontrollen von Restaurants.

Am Wochenende wurde ein weiterer Fall bestätigt. In einem Minimal-Supermarkt in Köln hat eine Mitarbeiterin verfallene Wurst umetikettiert. Bei der Rewe-Handelsgruppe, der Muttergesellschaft von Minimal, hieß es allerdings, es handele sich nur um einen Einzelfall.

Was bisher nicht flächendeckend kontrolliert wurde, nämlich die Umetikettierung von altem und überlagertem Fleisch, habe auch den Weg an die Öffentlichkeit nicht gefunden, meint Verbraucherpolitiker Berninger. Erst, nachdem die Bundesländer Ende 2004 dem umstrittenen Lebensmittel-Überwachungsgesetz AVV-Rüb zugestimmt haben, sei die Kontrolldichte zum Inkrafttreten des Gesetzes Mitte 2005 erhöht worden.

Auch die Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag, die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, geht mittlerweile davon aus, dass es sich bei den Fällen nicht um Zufälligkeiten handelt. „Insider wissen offenbar seit längerem, dass in Deutschland Gammelfleisch auf dem Markt ist.“ Höhn fordert deshalb von Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU), das von der Regierung angekündigte Verbraucherinformationsgesetz zu verschärfen. Bei der Veröffentlichung von Händlern, die altes Fleisch verkaufen, müsse man viel weiter gehen als bisher geplant.

Während Seehofer nur die Namen der Lieferanten von altem Fleisch veröffentlichen will, fordert Höhn, auch die Namen der Unternehmer zu nennen, die die Ware angenommen und weiterverarbeitet oder an Kunden verkauft haben. Von einer Meldepflicht, wie sie Seehofer für alle Unternehmen einführen will, die altes Fleisch annehmen, hält Höhn hingegen nichts: „Das ist sehr bürokratisch und wenig wirkungsvoll. Wer Gammelfleisch an Kunden verkaufen will, wird das sowieso nicht melden.“

Die Grünen Berninger und Höhn fordern nun von der Regierung, dafür zu sorgen, dass Gaststätten weit schärfer als bisher kontrolliert und die Ergebnisse veröffentlicht werden. „Wir brauchen ein Qualitätssiegel für Gaststätten, das jeder Gast sofort sehen kann“, sagte Berninger. Ein solches Verfahren gibt es bereits in weiten Teilen der Vereinigten Staaten. Dort können Kunden beim Betreten von Gaststätten schon am Eingang sehen, wann zum letzten Mal eine Lebensmittelkontrolle stattgefunden hat. Weil die Betreiber von Gaststätten ihre Fleischwaren aus denselben Quellen wie Händler beziehen, vermutet Berninger, dass auch dort altes Fleisch verarbeitet wird. „Das ist der nächste Skandal, der auf uns zukommt“, warnt er. Ein solches Qualitätslogo sei deshalb im eigenen wirtschaftlichen Interesse der Betreiber.

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