Grundeinkommensbewegung in der Schweiz : Spitzenbanker: "Der Gedanke ist bestechend einfach"

Seit jeher beschäftigen sich Philosophen mit der Frage, ob jeder einen Anteil an der Erde haben solle. Eine Lösung wäre das Grundeinkommen. In der Schweiz wird darüber vielleicht bald abgestimmt.

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Milliarden am Nachmittag. Als Chefstratege der Schweizer UBS hat Klaus Wellershoff große Summen bewegt.
Milliarden am Nachmittag. Als Chefstratege der Schweizer UBS hat Klaus Wellershoff große Summen bewegt.Foto: Sally Montana

Vielleicht muss man in die Schweiz, um sich manche Dinge vorzustellen. Auf den Zürichberg zum Beispiel, mit seinen Villen und Gärten. Auf den Bürgersteigen liegen sauber verschnürte Pakete. Das Altpapier, das an diesem Sommermorgen von der Müllabfuhr weggeräumt wird. Wobei wegräumen in der Schweiz „versorgen“ heißt. Als handle es sich um einen Rettungseinsatz. In einem Land also, dem es so gut geht, dass es sein Altpapier behandeln kann wie einen Schwerverletzten, da können einem schon Ideen kommen.

Diese etwa: Jeder kriegt Geld vom Staat, einfach so. Ob er alt ist oder jung, arm oder reich, ob er arbeitet oder nicht. Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das klingt nach Märchenstunde, nicht mal der Kommunismus ist so weit gegangen. Doch wir sind auf dem Zürichberg in der Schweiz. Nirgendwo in Europa gibt es so viele Reiche, hier rennt man eher in einen Millionär als in einen Hundehaufen.

In der Zürichbergstraße liegt die Villa, in der Klaus Wellershoff seine Unternehmensberatung hat und seine Ideen entwickelt, wie eben die mit dem Grundeinkommen. Wellershoff war früher Chefstratege einer großen Bank, der Schweizer UBS. Jetzt berät er große Banken. Still ist es in seinem Büro, die Stadt und die Welt sind weit weg, die Probleme sowieso. Da lässt man schon mal seine Gedanken schweifen, über den Horizont, der hier grün ist und bewaldet, und dahinter kommen der See und die Berge. Das mit dem Grundeinkommen stellt sich Wellershoff so vor: Den einen würde es Dinge ermöglichen, die sie immer schon tun wollten. Arbeit oder Ehrenamt, Auszeit oder Elternzeit, Kreatives oder Soziales. Den anderen würde es geben, was sie jetzt schon bekommen. Und es würde sich darin „die Solidarität der Gesellschaft ausdrücken“, sagt Wellershoff. Eine Solidarität, die aber nichts fordere, keine Nachweise, Umschulungen, Ein-Euro-Jobs.

Wellershoff, 47, sitzt im rotkarierten Hemd da, wie auf einer Berghütte. Im Konferenzraum sieht es auch aus wie in einer Berghütte, holzgetäfelte Wände, ein Geweih als Lüster. Nichts ist hier so, wie man es erwartet. Auch Wellershoff ist eine einzige Irritation. Ein Unternehmensberater, der Worte wie „bedingungslose Solidarität“ in den Mund nimmt. Ein Ex-Banker mit gesellschaftspolitischen Visionen.

Die Idee vom Grundeinkommen ist nicht neu. Götz Werner, Gründer des dm-Drogeriemarkts, fordert es schon lange. Die Grünen denken immer mal wieder darüber nach, und der ehemalige CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus will ein „Solidarisches Bürgergeld“. Das Grundeinkommen ist vielleicht die letzte soziale Utopie, bei der sich, von links bis neoliberal, alle wiederfinden.

Doch nirgendwo ist man der Utopie so nahe wie in der Schweiz. Hier gibt es eine ganze Grundeinkommensbewegung. Künstler, Unternehmer, Wirtschaftsleute, die im nächsten Frühjahr eine Volksinitiative starten. Wenn sie 100 000 Unterschriften gesammelt haben, dann muss die Schweiz darüber abstimmen. Und es gibt viele, die ein Grundeinkommen befürworten, allein die Facebook-Kampagne hat 50 000 Unterstützer. Die Schweizer wollen ihre Gesellschaft offenbar so gut versorgt wissen wie ihr Altpapier.

Aber wie das mit Utopien so ist: Kann man sie umsetzen? Beziehungsweise: Wer zahlt das alles?

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