Wirtschaft : Grundig wieder auf Gewinnkurs gebracht

Personal soll unentgeltliche Mehrarbeit leisten MÜNCHEN (tmh)."Das Steineklopfen fängt erst richtig an", weiß der Aufsichtratschef der Fürther Grundig AG, Burkhard Wollschläger.Der als Grundig-Retter gefeierte Manager legte in München vor Journalisten dar, wie der vor kurzem noch am Abgrund stehende Hersteller von Unterhaltungselektronik in der Branche wieder eine erste Geige spielen könnte.Im Zentrum der Sanierungsstrategie stehen neue Produkte für das Multimedia-Zeitalter, eine Qualitätsoffensive und verstärktes Eindringen in höhere Preissegmente sowie lukrative Märkte wie Großbritannien.Da die Werkskapazitäten am Stammsitz in Nürnberg-Fürth derzeit nur zu 30 Prozent ausgelastet sind, will der Sanierer in einem ersten Schritt die nach Ungarn ausgelagerte TV- Produktion wieder nach Nürnberg holen und so die Kapazitäten zumindest zur Hälfte füllen.Es gehe um ein Volumen von 250 000 Fernsehern pro Jahr.Die Belegschaft in Nürnberg müsse dazu auf zwei Jahre befristet bis zu 120 Stunden unentgeltliche Mehrarbeit pro Jahr in Kauf nehmen und erhalte eine Arbeitsplatzgarantie.Die Gewerkschaft habe dieser innerbetrieblich abgesegneten Regelung allerdings noch nicht zugestimmt.Binnen zwei bis drei Jahren müsse Grundig sich von der derzeitigen TV-Monokultur lösen, sagte Wollschläger.Während heute traditionelle Fernseher noch etwa 90 Prozent des Geschäfts tragen, soll es bis dahin noch die Hälfte sein.Die andere Hälfte müßten dann Zukunftsprodukte wie Web-Boxen für Internetgeschäfte, Empfänger für Digital-TV oder flache Plasmabildschirme beisteuern.Wenn ein neues Produkt am Markt einschlägt, sind Quantensprünge durchaus möglich, hofft Wollschläger.Möglicherweise müsse Grundig auch nicht, wie zuletzt angekündigt, weitere 1000 Stellen auf dann noch 5000 Mitarbeiter streichen, sondern komme mit einem Abbau von 800 Arbeitsplätzen aus.Es sei denkbar, daß Grundig auch den jüngst mit Banken ausgehandelten Kreditrahmen von rund 134 Mill.DM nicht in Anspruch nehmen müsse.Die Situation habe sich nach der Bildung eines neuen Eignerkonsortiums und dem Ausräumen aller Probleme mit der früheren Grundig-Mutter Philips in den Niederlanden "dramatisch verbessert".Grundig verfüge derzeit über 450 Mill.DM liquide Mittel, sagte Wollschläger.Ferner habe man die Bestände halbiert und damit weitere 200 Mill.DM "freigeschaufelt".Im Juli 1997 sei das Traditionsunternehmen noch kurz vor der Zahlungsunfähigkeit gestanden.1998 winke ein "zumindest ausgeglichenes Ergebnis" nachdem im Vorjahr nochmals ein Verlust von 120 Mill.DM eingefahren wurde.Grundig drücke die Gewinnschwelle im Laufe des Jahres auf 2,5 Mrd.DM Umsatz.Dabei dürfen die Erlöse 1998 bei etwa 2,8 Mrd.DM stagnieren.Ein Börsengang sei dann nach einer dreijährigen Gewinnphase angedacht.Wollschläger gab erstmals auch Einblicke in den dramatischen Verlauf der Rettungsaktion um den vor Jahresfrist noch vom Ende bedrohten Mittelständler.Unter anderem dem Entgegenkommen von Philips sei es zu verdanken, daß Grundig 1997 nicht "die Lichter ausschalten mußte", betonte der Manager.In intensiven Verhandlungen mit der Philips-Spitze sei es ihm gelungen, die Niederländer zu einem letztmaligen Verlustausgleich von 425 Mill.DM zu bewegen.Ursprünglich wollte Philips nur gut die Hälfte davon zahlen.Darüber hinaus habe Philips als Lieferant von Komponenten den Fürthern bis Ende 1999 Vorzugskonditionen eingeräumt.Pro Jahr bezieht Grundig für rund 700 Mill.DM Waren aus Eindhoven.Zudem dürfe Grundig alle im Laufe der vieljährigen Zusammenarbeit auf die Niederländer übertragenen und teils bis 2014 laufenden Philips-Patente kostenlos nutzen.Im Gegenzug sei Philips beim vorzeitigen Ausgleich mit der Grundig-Stiftung unterstützt worden, der die Niederländer 2004 eine hohe dreistellige Millionensumme hätten überweisen müssen.Grundig bleibe zudem Philips nun als Kunde erhalten.

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