Grundsatzrede von Reiner Hoffmann : DGB-Chef im Spagat

Der neue DGB-Chef skizziert in seiner ersten großen Rede die Arbeitswelt der Zukunft mit mehr Rechten für die Beschäftigten und der Gleichstellung der Frauen.

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Aufmerksamer Zuhörer: DGB-Chef Reiner Hoffmann verfolgt die Rede von Arbeitsministerin Andrea Nahles auf dem Bundeskongress des DGB.
Aufmerksamer Zuhörer: DGB-Chef Reiner Hoffmann verfolgt die Rede von Arbeitsministerin Andrea Nahles auf dem Bundeskongress des...iFoto: picture-alliance

Der Mensch ist wichtiger als der Markt, die deutsche Wirtschaft braucht mehr Mitbestimmung und Europa ein Konjunktur- und Investitionsprogramm. Diese Einschätzungen sind für einen Gewerkschafter nicht sonderlich originell, aber Reiner Hoffmann hatte in seiner ersten Grundsatzrede als DGB-Vorsitzender auch einen weiten Bogen zu spannen und die Erwartungen von acht Einzelgewerkschaften abzubilden. So war am Dienstag auf dem Bundeskongress des DGB im Berliner City Cube für alle was dabei: Bekenntnisse zur Industrie, Forderung nach mehr Geld für Pflegekräfte, Arbeitszeitsouveränität und Gleichstellung von Frauen. Aber Hoffmann setzte doch einen neuen Akzent, indem er ausdrücklich von einem „Spagat“ sprach für die Gewerkschaften zwischen der Interessenvertretung „prekär Beschäftigter“ und gut verdienender, „oft überbeschäftigter und ausgepowerter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“.

In den vergangenen Jahren hatte der DGB mit der Kampagne für den gesetzlichen Mindestlohn eben hauptsächlich die schlecht Bezahlten im Blick. Das ändert sich nun. In seiner ersten großen Rede befasste sich Hoffmann vor allem mit Veränderungen in der Arbeitswelt – Digitalisierung, Demografie, Feminisierung, Globalisierung und „Vereinbarkeit von Arbeit und Leben“. Hoffmann knüpfte an den aus den 80er Jahren stammenden Begriff der „Humanisierung der Arbeit“ an und regte entsprechende Forschungen „für die Arbeit von morgen“ an. Ganz wichtig dabei: Die Arbeitszeit über die gesamte Erwerbsbiografie in den Blick nehmen und den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität geben. Für einen Industriegewerkschafter, Hoffmann kommt aus der IG BCE, schlug er erstaunliche Töne an. Eine moderne Arbeitszeitpolitik setze voraus, „dass wir uns endgültig von dem dominierenden Modell des männlichen Familienernährers in Vollzeit mit bruchloser Erwerbsbiografie verabschieden“. Frauen müssten die gleichen Chancen und Einkommen haben wie die Männer.

Die Tarifeinkommen sind seit dem Jahr 2000 um rund sieben Prozent gestiegen

Die Einkommen in den Unternehmen und Verwaltungen, die nach Tarif zahlen, seien seit dem Jahr 2000 real um mehr als sieben Prozent gestiegen, während gleichzeitig die Bruttoeinkommen aller Beschäftigten um knapp zwei Prozent fielen. Mit Hilfe des Mindestlohns und der künftig erleichterten Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erhofft sich Hoffmann eine Stärkung der Tarifautonomie. Zum umstrittenen Thema Tarifeinheit (ein Betrieb, ein Tarifvertrag), das die Bundesregierung in einem Gesetz zulasten kleiner Gewerkschaften regeln will, hielt sich der DGB-Vorsitzende zurück. Der Bundeskongress verabschiedete aber am Dienstag einen Beschluss, wonach ein entsprechendes Gesetz nur unter der Voraussetzung befürwortet wird, dass es keine Einschränkung des Streikrechts für kleine Gewerkschaften gibt. Das indes war bereits Kernpunkt eines gemeinsamen Vorschlags von Arbeitgebern und dem DGB vor vier Jahren.

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