Wirtschaft : Günstig über TV-Kabel telefonieren

CORINNA VISSER

BERLIN .Seit November vergangenen Jahres hat der Berliner Utz Müller zwei Telefonanschlüsse - einen bei der Telekom und einen bei der Augsburger Telekabel Service Süd (tss), dem nach eigenen Angaben drittgrößten Kabelnetzbetreiber Deutschlands.Die tss ist die einzige Gesellschaft neben der Telekom, die in Berlin zur Zeit komplette Telefonanschlüsse und damit auch Ortsgespräche anbietet - allerdings noch nicht flächendeckend, sondern bisher nur in einer Wohnanlage der Wohnungsbaugesellschaft Mitte.Utz Müller war damals der erste Kunde in Deutschland, der über das Fernsehkabel telefonierte."Jede Möglichkeit, die sich bietet, um etwas neues zu probieren, nehme ich wahr", sagt der 62jährige."Und ich bin dafür, daß man die Telekom-Tarife unterläuft."

Vor ein paar Tagen hat die Telekom den Mietern des Berlin-Carré am Alexanderplatz einen freundlichen Brief geschickt: "Viele von Ihnen sind seit Jahren Kunde der Deutschen Telekom.Für dieses Vertrauen danken wir Ihnen herzlich", heißt es da.Dank gibt es auch in Form einer Telefonkarte im Wert von sechs DM."Selbst mein Nachbar hat so einen Brief bekommen, obwohl der überhaupt kein Telefon hat", sagt Müller.Offensichtlich bewegt der Wettbewerb tatsächlich etwas.

Die Pilotphase des tss-Projekts ist inzwischen abgeschlossen.1200 Haushalte hatten die Möglichkeit, das Angebot anzunehmen."238 haben es genutzt", sagt tss-Geschäftsführer Peter Stritzl.Das sind gerade mal 20 Prozent."Verglichen mit England, Holland, Belgien und Spanien, wo bereits über das Fernsehkabel telefoniert wird, ist das eine sehr gute Akzeptanz", sagt Stritzl.Der Charme der Lösung liege darin, daß keine Löcher gebohrt oder Leitungen verlegt werden müssen - schließlich sind etwa 26 Millionen deutsche Haushalte bereits an das Breitbandkabelnetz angeschlossen.Den Adapter, den man braucht, wenn man das TV-Kabel zum Telefonieren nutzen will, hat Müller ganz leicht selbst in die Wandbuchse eingesteckt.Das alte Telefon und auch die alte Telefonnummer kann er behalten.

Die Telekom hat die TV-Kabel ursprünglich nicht mit einem Rückkanal ausgerüstet.Es sind vielmehr Einbahnstraßen, die zwar Signale zum Kunden senden, aber keine Signale vom Kunden zurück transportieren, wie es für das Telefonieren notwendig ist.Daher kann man noch nicht überall über das TV-Kabel telefonieren.Aber die Telekomkabel reichen in der Regel nur bis in den Hauskeller.In großen Wohnanlagen haben meist private Kabelnetzbetreiber wie tss die Strippen gezogen.Und tss hatte bei den neueren Netzen den Rückkanal schon vorbereitet.Der mußte jetzt nur noch aktiviert werden.Vor dem Übergang vom hausinternen Netz zu den Telekom-TV-Kabeln ist noch eine Weiche installiert worden, um die Telefongespräche von dort direkt ins Glasfasernetz der amerikanischen Telefongesellschaft Star-Telekom zu leiten.

Müller zahlt jetzt monatlich eine Grundgebühr von 19,90 DM.Die Telekom verlangt 24,80 DM.Für Ortsgespräche zahlt er tagsüber fünf Pfennig in der Minute, nach 18 Uhr vier Pfennig.Für Ferngespräche berechnet Star-Telekom 18 Pfennig pro Minute am Tage, abends neun Pfennig.Abgerechnet wird im Minutentakt, was Müller nicht sehr kundenfreundlich findet."Der große Vorteil liegt in der niedrigen Grundgebühr", sagt tss-Geschäftsführer Strizl."Dafür bieten wir natürlich die gleiche Sprachqualität." Schritt für Schritt soll das Angebot jetzt auf weitere 10 000 Haushalte ausgeweitet werden.

Noch hat sich Utz Müller nicht entschieden, ob er weiterhin übers TV-Kabel telefonieren will.Weil er in der Pilotphase quasi als Versuchsperson fungierte, hat er zur Sicherheit noch seinen alten Telekomanschluß behalten."Bei der Rechnung von tss gibt es noch ein paar Schwachstellen", sagt er.Und er hat noch einen Rat für tss: Das Marketing müsse professioneller werden."Das hat die Telekom besser raus."

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