Wirtschaft : Günter Odeman-Noering

(Geb. 1933)||Er erbte ein Vermögen. Das Elend begann.

Gregor Eisenhauer

Er erbte ein Vermögen. Das Elend begann. Sein Kopf lag im Wasser. Ein kleiner Tümpel im Tiergarten, viel zu flach zum Ertrinken. Es sei denn, man ist lebensmüde. Einen Tag zuvor hatte er versucht, sich mit Tabletten zu vergiften. Sein Freund hatte ihn gefunden. Der Notarzt konnte ihn retten, aber Günter Noering verweigerte sich einer Behandlung im Krankenhaus. Sein Entschluss stand fest. Als er am nächsten Tag aus dem Haus ging, nahm er die Schlüssel erst gar nicht mit.

Sein Leben hatte glücklich begonnen. Er wurde im Himmel geboren, im blauen, so hieß das Bauernhaus der Eltern, in einem kleinen Ort nahe Lutterstadt, „Blauer Himmel“. Die Großmutter war nach ihrer Hochzeitsnacht gefragt worden: „Wie fühlst du dich?“ Sie antwortete: „Wie im Himmel so hell.“ Daher der Name.

Das Haus steht nicht mehr. Einer der Brüder hat es abreißen lassen.

Eine Lausbubenjugend. Sieben Brüder waren sie gewesen. Günter fiel früh aus der Reihe. Er wollte Schauspieler werden, versuchte sich in den klassischen Rollen.

Wer „dieser Hamlet“ sei, fragte der 55-jährige Satiriker Robert T. Odeman, als ihm ein junger Schauspieler in Schwarz ins Auge fiel. Die Szene: Eine Berliner Theaterkneipe im Jahr 1959. Günter Noering war gerade in Berlin angekommen, aber er kannte den Mann mit dem Pferdegesicht aus der Zeitung. Ein Gedicht des damals sehr populären Odeman konnte er sogar auswendig. Günter rezitierte. Alles lachte. Das sei schön gewesen, erklärte Odeman, aber leider von Ringelnatz. Der Beginn einer großen Liebe. Fünfundzwanzig Jahre verbrachten die beiden zusammen.

Odemans Spöttereien waren einer bitteren Vergangenheit abgetrotzt; er war einer der wenigen Homosexuellen, die das KZ Sachsenhausen überlebt hatten. Er konnte schnell an die Vorkriegserfolge anknüpfen, Günter immer an seiner Seite. Da sie nicht heiraten durften, adoptierte Robert Odeman Günter Noering. Günter seinerseits pflegte den lange Bettlägrigen, dessen letzter Wille war, dass seine Asche übers Meer verstreut werden sollte.

Günter erbte ein Vermögen. Das Elend begann. Er lebte in einer Villa, umgeben von Antiquitäten. Er ging jeden Tag essen, ließ sich japanische Zierfische in den Gartenteich setzen.

Er suchte Liebe bei Strichern, verfiel seinem Chihuahua mit Namen Stöpsel, der es wunderbar verstand, seinem Herrchen auf der Nase herumzutanzen.

Er fuhr Mercedes, ein altes Modell, das ihn an die guten Zeiten erinnerte. Er gab Rezitationsabende, lebte noch immer im Schatten Odemans. Dessen Freundeskreis blieb ihm, aber die meisten waren viel älter als er. Ständig galt es, um einen Freund zu trauern.

Er fand eine neue Liebe, zwanzig Jahre jünger als er, einen Tänzer, der ihm treu blieb bis zum Tod, aber so eine Liebe ist schwer zu leben, wenn der eine sich der Gegenwart hingibt, der andere in Erinnerungen lebt.

Nichts kann einen Melancholiker von seiner Melancholie abhalten – Weißwein ausgenommen und zuweilen die Kunst.

Günter Noering schrieb auch selbst, aber viele Entwürfe zeugen mehr vom Wollen als vom Können: Ein Felix K. trifft in einem Knabenbordell, wo er gelegentlich das knausrige Taschengeld aufbessert, seinen Vater.

Günter Noering schrieb täglich, er trank täglich. Und er machte dabei noch immer eine gute Figur.

In Geldangelegenheiten war er generös bis zur Selbstverleugnung – und wurde gnadenlos ausgenommen. Alle wollten Darlehen von ihm, selten zahlte einer zurück. Er zog daraus keine Lehren. Wenn ein Mensch nicht böse ist, kann er unmöglich begreifen, welch böse Gedanken andere haben können.

In seinem Esszimmer standen Dutzende kostbare Deckelvasen, Behälter für Tabak oder Tee, doch eigentlich erinnerten sie an Urnen. „Da sind meine verstorbenen Männer drin“, scherzte sein Lebensgefährte, wenn Besuch kam, „die Kleinen für die Südländer, die großen für die Nordländer …“ Gut gewitzelt. Aber Günter Noering war irgendwann nicht mehr nach Scherzen zumute.

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