Wirtschaft : Günther Kamm

(Geb. 1951)||Gewinnen? Na gut. Aber vor allem muss man schön gewinnen!

Stephan Reisner

Gewinnen? Na gut. Aber vor allem muss man schön gewinnen! Niemand kann sagen, wie er zu dem Spitznamen kam. Er brachte ihn einfach mit. „Zepp“ war Ruderer, stammte aus Kassel und wollte in Göttingen Sport und Mathematik studieren, um Lehrer zu werden. Die anderen kamen aus derselben Ecke und hatten denselben Berufswunsch: die Sportstudentenclique. Saß einer von ihnen in der Prüfung, warteten die anderen vor der Tür, um ihn gebührend in Empfang zu nehmen. Gemeinsam quälten sie sich durch die Pädagogikseminare, gemeinsam drehten sie ihre Trainingsrunden. In der Cafeteria vernebelten sie mit selbst gedrehten Zigaretten die Luft. Dann verknallte sich Zepp in Mieze und Mieze sich in Zepp.

Die Liebe war groß, das Vertrauen stimmte. Weil er wusste, dass Farben in der Welt der Farbsehenden einen hohen Stellenwert genießen, legte er, der kaum zwischen einem grünen und einem roten Jackett unterscheiden konnte, besonderen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Nach dem Duschen brachte er sein gestuftes, halblanges Haar mit dem Föhn hingebungsvoll in Form. Und stolz trug er einen wuchtigen Wild-West-Schnauzbart. Mieze stand beratend zur Seite, wenn es um die farbliche Feinabstimmung ging. Das beige Hemd passte besser zur braunen Cordhose und die Jeans zum weißblau gestreiften Poloshirt. Fehlte nur noch ein schneeweißer R 4: „Schau, Mieze, ich hab’ endlich einen gefunden!“ – „Aber, Zeppi, der ist doch hellblau!“

Hätten sie damals in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Hessen mehr Sportlehrer gebraucht, wäre die Clique bestimmt dort geblieben. Aber so bewarben sie sich in Berlin, einer nach dem anderen. Und ein Umzugswagen nach dem anderen rumpelte über die Dehnungsfugen der Transitstrecke. „Wir bleiben drei, maximal fünf Jahre!“, da waren sie sich sicher.

Mieze und Zepp blieb das Elternglück verwehrt. Ein Kind, das hatte sie ihm früh gesagt, konnte sie nicht bekommen. Also avancierte er zum Lieblingsonkel der Kindern der anderen. Er schenkte ihnen Überraschungseier und behauptete, sie wüchsen an einem Pflaumenbaum in seinem Garten. Man feierte Geburtstage, fuhr zusammen in den Urlaub, besuchte Sportwettkämpfe, ging ins Kino und ins Restaurant. Zwei Mal in der Woche trafen sich die Männer zum Sport. Sie spielten in einer Handball-Betriebsmannschaft. Doch beim Training spielten sie meistens Fußball, Basketball oder Hockey. Zepp galt als Bewegungsästhet: gewinnen? – Na gut. Aber vor allem muss man schön gewinnen!

Eine Stelle an der Ernst-Reuter-Gesamtschule in Wedding, Aktivposten in der Lehrer-Gewerkschaft, Mieze, die er liebte, und die ihn liebte. Es hätte noch lange so weitergehen können, ging es aber nicht. Im Frühsommer 1990 lud Mieze die Freunde zum letzten gemeinsamen Abendessen. Kurze Zeit später ging sie zum Sterben ins Haus ihrer Eltern nach Niedersachsen.

Ein Neuanfang. Er stürzte sich in das neue Schuljahr und trieb noch mehr Sport. Die anderen fragte er, ob sie ihm beim Kauf einer neuen Schlafzimmertapete helfen könnten, er sei sich mit der Farbe nicht so sicher. Sie luden ihn zum Essen ein, er brachte kleine Überraschungen mit. An eine neue Beziehung dachte er nicht. Mit den einen fuhr er im Urlaub Ski, mit den anderen ging er surfen.

Seine Schüler sahen in ihm nicht nur den Lehrer. Wenn es bei jemandem zu Hause krachte, half und vermittelte er. Dass der Sportlehrer immer ein wenig nach kaltem Rauch roch, machte ihn in den Augen seiner Schüler nur authentischer. Sie rechneten ihm hoch an, dass er nie den steifen Turnlehrer gab, sondern schnell den Spielball rausrückte und selbst gern mitmischte. Umso verwunderter waren sie, als er eines Tages, mitten im Schuljahr, die Schule verließ und nie mehr zurückkehrte. Niemand sagte ihnen weshalb. Schulbehörden sind verpflichtet, die Privatsphäre des Lehrpersonals zu schützen.

Ein geschwollener Hals, ein Gang zum Arzt, eine Überweisung zum Facharzt, schließlich eine Einweisung in die Klinik. Diverse Untersuchungen, nach drei Wochen die Diagnose: Lungenkrebs. Vier Wellen Chemotherapie rollten über ihn hinweg. Nach der dritten ging er zum Sterben in das Haus der Schwiegereltern.

Vor einer hohen Eiche in einem Friedwald in Nordhessen nahmen die Freunde von ihm Abschied. Sie kamen alle aus Berlin angereist.

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