Wirtschaft : Guerilla-Taktik gegen einen Autoriesen

ROBERT RIMSCHA

WASHINGTON .Wenn 9200 Arbeiter streiken, dann ist dies normalerweise weder eine Staatskrise noch eine wirtschaftliche Katastrophe.Wenn 9200 Arbeiter zweier Zulieferer für den weltgrößten Autokonzern General Motors Corporation (GM) streiken, dann schaut das gleich ganz anders aus.Die 9200 Streikenden im Städtchen Flint im US-Bundesstaat Michigan, sie wollen mehr Geld und Garantien für die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze, haben inzwischen 26 von 29 GM-Fabriken in Nordamerika völlig und zwei weitere teilweise lahmgelegt.186 000 Autobauer sind im Zwangsurlaub.Der Streik ist in der siebten Woche.Am Sonntag war Urabstimmung bei der GM-Tochter Saturn in Tennessee.96 Prozent beschlossen, daß 7300 weitere Arbeiter in den Ausstand gehen und das 29.und letzte GM-Werk stillegen.Für Saturn ist es der erste Streik in der Firmengeschichte.

Im Konzern GM hat der Streik bislang rund 1,3 Mrd.Dollar Schaden verursacht.300 000 Fahrzeuge wurden nicht gebaut.Die Parkplätze der Händler leeren sich.In der gewünschten Farbe und Ausstattung ist kaum mehr ein Wagen von Amerikas Nummer Eins zu haben.Beim Absatz hat im zweiten Quartal Chrysler GM überholt.Der Gewinn für die Periode April bis Juni ist gewaltig eingebrochen, allerdings exakt um jenen Betrag, den die Börse erwartet hatte.So ist die Wall Street relativ ruhig.

Dies liegt auch darin, daß viele Zyniker und etliche Analysten den Streik als willkommene Chance zur brachialen Verschlankung der Riesens sehen.Dies betrifft vor allem die Produktpolitik.GM baut fast 60 Modelle (unter anderem Buick, Cadillac, Chevrolet, Oldsmobile, Saturn und Pontiac), die beiden amerikanischen Konkurrenten von Chrysler (Dodge und Plymouth) und Ford dagegen nur jeweils um die 25.Im Konzern GM war während der letzten Jahre immer wieder erbittert darüber gestritten worden, wieviel Innovation und wieviel Kapital welcher Marke zugutekommt.

Am Wochenende bot US-Arbeitsministerin Alexis Herman an, einen unabhängigen Schlichter zu berufen.Gleichzeitig kamen aus ihrem sowie dem Finanzministerium die ersten Hinweise, ein gesamtwirtschaftlicher Schaden beginne sich einzustellen.Diese trockenen Andeutungen haben Folgen.Schadet der Streik nach offizieller Lesart Amerika, kann Präsident Clinton einen Schlichter einsetzen; bis zum Schiedsspruch müßte der Streik dann ausgesetzt werden.

Die Autobauer-Gewerkschaft UAW (United Auto Workers) bedient sich der normalen Guerillataktik: Zwei kleine Zulieferwerke werden bestreikt, 20mal soviele Arbeitnehmer müssen in die Zwangspause geschickt werden.Die erheblichen Konsumeinbrüche im vor allem betroffenen Bundesstaat Michigan sind allabendlich Thema der Fernsehnachrichten.Vom Kneipier bis zum Möbelverkäufer, alle berichten sie von Umsatzeinbußen bis zu 70 Prozent.Hochbetrieb herrscht dagegen bei den Banken.Tausende GM-Arbeiter müssen umschulden.Bei einem Streikgeld, das bei rund der Hälfte eines Nettolohnes liegt, kommen viele Familien rasch in finanzielle Bedrängnis.

GM hat mehrfach verkündet, andere Zulieferer zu beauftragen.Doch die Drohung ist schwer umzusetzen.Hunderte Klein- und Mittelstandsfirmen könnten zwar einspringen, wollen sich aber nicht ihre Kapazitäten blockieren lassen, wo jetzt im Sommer die Produktion der neuen 1999er-Modelle anläuft.So geht GM juristisch mit harten Bandagen vor.Das Unternehmen ersuchte vor Gericht um eine Entscheidung, der zufolge der Streik eine Tarifvereinbarung von vor anderthalb Jahren verletzt.Das Gericht hat jetzt einen unabhängigen Schlichter eingesetzt, der befinden wird, ob der Streik illegal ist.Beide Seiten haben signalisiert, seinen Spruch akzeptieren zu wollen.Bei den direkten Verhandlungen beider Seiten am Wochenende gab es keine Annäherung.

Für Amerikas Gewerkschaften setzt der Konflikt fort, was sich seit Jahren abzeichnet.In den gesamten USA ist die Mitgliedschaft - auf niedrigem Niveau von rund 15 Prozent aller Beschäftigten - leicht im steigen begriffen.Wie beim UPS-Streik vor einem Jahr zeigt auch dieser Arbeitskampf, daß die Gewerkschaften mehr und mehr punktgenaue Einzelaktionen im Nervensystem von Großkonzernen oder Infrastrukturnetzen nutzen.Mit dieser Greenpeace-Taktik und markigen Worten verschärfen die Gewerkschaften ihr Image.

Was das heißt, machen zwei Beschlüsse der letzten Wochen deutlich.Die größte US-Einzelgewerkschaft, die der Lehrer, stimmte deutlich gegen die Fusion mit einer kleineren Erziehergewerkschaft, die wie UAW dem Dachverband AFL-CIO untersteht.Die Lehrer - und wie sie viele Mittelständler - wollen mit der organisierten Arbeiterschaft nichts zu tun haben.Auf diese setzt die Gewerkschaftsbewegung immer deutlicher und zugleich immer ausschließlicher.

Beim AFL-CIO-Kongreß wurde gerade ein jahrzehntealter Unvereinbarkeitsbeschluß revidiert.Künftig dürfen auch Mitglieder der Kommunistischen Partei der USA Gewerkschafter und Gewerkschaftsfunktionäre sein.Der AFL-CIO setzt klar auf Globalisierungsverlierer, auf Arme und Linke.Den Anspruch, den neuen Mittelstand zu repräsentieren, gibt Amerikas Gewerkschaftsdachverband immer sichtbarer auf.Das untere Drittel scheint den Funktionären in der bestehenden Zweidrittelgesellschaft breit genug zu sein, um effektiv organisieren und immer wieder einmal einen Riesen des US-Kapitalismus in die Knie zwingen zu können.Der Paketzusteller UPS mußte vor einem Jahr klein beigeben.Bei GM schwört der Vorstand, man werde nicht zum zweiten Präzedenzfall werden.

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