Wirtschaft : Gunnar Funke

Geb. 1924

David Ensikat

Er liebte den Swing, er war nicht an der Front. Er lebte für das Leben. Er war ein Einzelkind, im Wohlstand aufgewachsen, von der Mutter verwöhnt. Der Vater war streng und forderte Leistung. Sein Sohn hielt nicht viel vom ihm, sein Einfluss war begrenzt.

Eine Jugend unterm Hakenkreuz. Hitlerjugend. Swingjugend. Gunnar ließ sich Billy nennen und hatte eine gute Zeit. Billy ging mit Bobby (der eigentlich Bruno hieß), gern ins Delphi, wo sie den Swing spielten. Die Nazis hatten ihn verboten, also hieß er im Delphi Volksmusik. Den Eintritt konnten sich die Jungs von ihrem Taschengeld nicht leisten, sie stiegen durch den Keller ein, gaben dem Heizer eine Mark, der ließ sie durch, und dann standen sie am Rand der Tanzfläche, die Arme eingeschränkt, wippten mit den Füßen im Takt und stellten sich vor, wie es wäre, selbst so eine erwachsene Frau über die Tanzfläche zu schieben.

Wilder war’s im Groschenkeller an der Kantstraße. Da spielten Ilja Glusgal, Coco Schumann und Teddy Stauffer, der „Swing-König“. Oben stand einer Schmiere, und wenn die Kontrolleure von der Reichsjugendkammer kamen, sangen im Keller alle „Rosamunde“.

Am ersten Mai standen Billy und Bobby im Olympiastadion in der ersten Reihe und winkten Hitler zu. Ganz vorn hatte man sie hingestellt, weil sie die ansehnlichsten Uniformen trugen. Wegen der Schlaghosen und der weißen Mützen waren sie auch in die Marine-HJ eingetreten. Unter den Mützen konnte man die Haare einigermaßen verstecken. Swingjugendliche trugen sie recht lang.

Dass der Hitler einen halben Meter vor ihnen entlanglief, war nicht so bedeutsam. Bedeutsam waren die Mädchen vom BDM, die standen 50 Meter weiter weg. Nach der Sache im Stadion traf man sich draußen auf der Wiese vorm Olympiastadion – doch mehr, als ein bisschen auf der Parkbank knutschen, war damals nicht drin.

Natürlich musste auch Gunnar Funke in den Krieg; und auch da verließ ihn das Glück nicht. Er wollte zu den U-Boot- Fahrern, doch weil seine Augen nicht gut genug waren, bildeten sie ihn bei der Marine-Artillerie aus. Das dauerte so lange, dass der Krieg zu Ende war, bevor er auf Menschen hätte schießen müssen.

Einer wie Gunnar Funke war für die Nachkriegszeit durchaus geeignet. Ohne feste Vorstellung von dem, was er werden sollte, flexibel, fürs Leben schaffend, weniger für Bleibendes.

Irgendwann holte der Vater ihn – mit Frau und den zwei Töchtern – nach Düsseldorf zu seiner Filmfirma. Dass er es mit dem Vater nicht lange aushielt, war wenig überraschend. Es machte auch nichts, denn er hatte wieder Glück. Der Westdeutsche Rundfunk stellte ihn als Aufnahmeleiter fest an.

1970 ließ Gunnar Funke sich scheiden und stellte fest, dass er fürs Alleinleben gar nicht taugte. Nach zwei Jahren hatte er die Richtige gefunden, die bis zum Schluss die Richtige blieb. 30 Jahre jünger war sie, er musste zuerst ihre Eltern fragen, ob sie einverstanden waren.

Er lebte nicht für die Arbeit, doch die Arbeit verschaffte ihm ein gutes Leben. Besonders, als sie vollends beendet war. Wegen einer Herzschwäche ging er früh in Rente, versehen mit einer großzügigen Pension. Damit machte er sich – selbstverständlich mit der jungen Frau – auf den Weg in die weite Welt. In Amerika kauften sie ein großes Wohnmobil; ursprünglich sollte es eine Segelyacht sein, doch wie schon fürs U-Bootfahren, war er auch fürs Hochseesegeln nicht geeignet. Jahrelang waren sie mit dem Auto unterwegs, zuerst in ganz Amerika, dann in Europa und schließlich nochmal in Amerika. Sie hielten nur da an, wo es schön war.

Am schönsten fanden sie es auf Mallorca. Drum verkauften sie das Wohnmobil und kauften dort eine Wohnung.

Nach Berlin kam Gunnar Funke immer wieder. Die alten Freunde freuten sich auf ihn und er sich auf sie. Sie fuhren durch die Stadt und erinnerten sich vergnügt an alte Zeiten. Auf seiner Todesanzeige stand ein schöner, seltener Satz: „Er hatte ein schönes Leben.“

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