Wirtschaft : Gunnar Ortlepp

(Geb. 1968)||Er wollte nicht lange diskutieren, Konzepte schreiben.

Tatjana Wulfert

Er wollte nicht lange diskutieren, Konzepte schreiben. Frankreich, Provence, 40 Grad im Schatten, Thymianduft, ein Feldsteingehöft, verfallen, eingehüllt von dornigem Gestrüpp. Ein Franzose auf einer Bank. Zikadenzirpen.

Ein Bus, Berliner Nummernschild. Die Bustür öffnet sich, heraus springen 22 Wesen, blass, bunte Haare, schwarze Hosen. Stimmengewirr. Ein Typ, Muskelshirt, Basecap, eiserner Ring um den Hals, läuft auf den Franzosen zu. „Bonjour. Je suis Alain“, sagt der, wirft einen Blick auf die Wesen im Hintergrund, „Bienvenue à Mayne.“ – „Ja, Tach, Bongschur. Gunnar“, sagt der Typ.

Das verfallene Feldsteingehöft soll wieder aufgebaut werden. Von Schülern. In den Ferien. Die Schüler arbeiten, viele Stunden am Tag, bezahlen die Reise auch noch. Gunnar hat sie überzeugt. Es ist sein Projekt. Er will nicht lange diskutieren, Konzepte schreiben, es geht darum, dass die Jugendlichen mal was anderes machen, was anderes sehen.

Gunnar ist Sozialarbeiter an der Kurt-Schwitters-Gesamtschule im Prenzlauer Berg. In einer Toreinfahrt nahe der Schule hängt ein Schild: „Hiermit wird fremden Personen sowie den Schülern der Kurt-Schwitters-OS der Aufenthalt auf diesem Grundstück untersagt!!! Die Hausverwaltung“. Da standen sie wohl häufig, rauchend, die blassen Wesen mit den bunten Haaren. Gunnars Kinder, ohne Vater, ohne Ort.

Die Kinder sprechen mit Gunnar, auch die, die sonst mit niemandem mehr sprechen. Gunnar weiß, wer mit wem befreundet ist, weiß, wer spät am Abend noch im Mauerpark sitzt, nicht nach Hause will. Er kennt die gesamte Mannschaft der Polizeiwache in der Eberswalder Straße. Organisiert Konzerte, die „Schwitters Open Air“. Die Polizei in der Eberswalder Straße lässt sich von Gunnar überreden: „Jut, wir jenehmijen den Krach.“

„Vernetzungskünstler“ nennt ihn eine Freundin. Er kümmert sich um Praktikumsplätze, Jobs. Sucht Wohnungen, transportiert Möbel. Sitzt in Amtsstuben. Die Schuldirektorin stöhnt manchmal, zu schnell geht alles, zu unbequem sind die Fragen. Doch sie weiß auch, dass Gunnar da ist, wenn ein mongolisches Mädchen Ärger mit der Ausländerbehörde hat, wenn ein Junge nach einer Klassenfahrt nicht abgeholt wird, die Mutter drei Tage nicht erreichbar ist. Er besorgt einen Pass, sagt der Mutter deutliche Worte. Sie weiß, die Jugendlichen glauben Gunnar. Er sieht ein bisschen aus wie sie, denkt wie sie, hört ihre Musik. Er fährt mit einem silberblauen Pick-up durch die Gegend, seine Haare haben selten länger als zwei Monate dieselbe Farbe, seine Stiefel sind schwarz und schwer. In den Nächten tanzt er mit den Schülern in dunklen lauten Clubs, schläft wenig, kommt am nächsten Tag blass und viel zu spät in die Schule.

Er hört zu. Redet. Klar. Ohne sich anzubiedern. Nach seinem Tod werden aus einem Klassenzimmer die Stühle und Tische herausgetragen, hinein Blumen, Fotos, Briefe. Briefe der Kollegen, der Schüler an Gunnar. Einer schreibt: „Gunnar, mein persönlicher Edelpunk! Danke für die Zeit, in der wir gestritten und gekämpft haben. Danke, dass Du so anders warst und mir meine Spießigkeit damit deutlich machtest!“

Frankreich, Provence, 40 Grad im Schatten, Thymianduft, ein Feldsteingehöft, Dach, Fenster, Wasser, Strom. Ein Typ mit einer Basecap liegt in einem speziellen Bett. Er soll bequem liegen, ohne schmerzenden Rücken. Ein Mann kommt ins Zimmer. „Bonjour Gunnar.“ – Der Typ lächelt, „Bongschur Alain.“

Berlin, 25 Grad. 400 Menschen auf einem Friedhof. Alain tritt vor. Legt Thymianzweige auf Gunnars Grab.

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