Wirtschaft : Gustav Trampe

(Geb. 1932)||Für den Schnickschnack des Boulevard hatte er nichts übrig.

Thomas Loy

Für den Schnickschnack des Boulevard hatte er nichts übrig. Früher war im Journalismus vieles anders. In den Zeitungsredaktionen lagerten alkoholische Stimulanzien in den untersten Schreibtischschubladen. Auf Terminen vereinbarte man mit der Konkurrenz, sich aktuell ums Buffet und sehr viel später ums Geschehen zu kümmern. Und beim „heute-journal“ des ZDF wurden die Redaktionssitzungen der Anfangsjahre gern ins Gasthaus verlegt. Klaus Bresser war dabei, später Chefredakteur, Dieter Kronzucker, später TV-Weltreisender, und Gustav Trampe. Das Triumvirat prägte die Sendung und entsprach dem öffentlich-rechtlichen Parteiproporz. Kronzucker neigte zur CDU, Bresser vertrat die SPD, Trampe war der Liberale. Einen Grünen brauchte man damals noch nicht.

Wenn zwischen Sitzung und Sendevorbereitung noch Zeit blieb, ging man zum Skat über. Klaus Bresser schied aus, weil er das Spiel nicht beherrschte. Dieter Kronzucker spielte mit, obwohl er wusste, dass er gegen Gustav Trampe auf lange Sicht keine Chance hatte. Als dritter Mann kam nur jemand in Frage, der das Verlieren verschmerzen konnte, auch finanziell. Des Öfteren ließ sich Günter Ederer überreden, später bekannter Wirtschaftspublizist.

Trampe, der Ostwestfale aus einer katholischen Lehrerdynastie, reizte beim Skat nicht zu hoch, nutzte konsequent das Potenzial, das sein Blatt hergab, und spielte konzentriert bis zur letzten Karte. Ähnlich verhielt er sich auch sonst im Leben. Als er den Krebs in sich spürte, gab er das Spiel nicht auf, sondern machte seiner langjährigen Lebensgefährtin einen Heiratsantrag.

Gustav Trampe verlor früh seine Eltern, wuchs bei Verwandten auf, aber davon hat er nie viel mehr erzählt. Auch nicht von dem Lateinlehrer, der ihn drangsalierte. In seiner Promotionsschrift fand sich ein Zettel, auf dem er einen Spruch seines Lehrers notiert hatte: „Ihr Ostwestfalen habt noch Missionare gefressen, als wir Westwestfalen schon eine Hochkultur waren.“ Möglicherweise war auch diese Diffamierung ein Antrieb, Geschichte zu studieren. Trampe wollte den Dingen auf den Grund gehen.

Das Herauskehren des Privaten war nicht seine Sache. Die Grenze, die er für sich selbst zog, respektierte er auch bei anderen. Politik hat ihn interessiert, das Abwägen von Argumenten und Meinungen, das Durchbrechen hartleibiger Vorurteile. Im „heute-journal“ war er der Anwalt der klassischen Berichterstattung. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich gegen den „Schnickschnack“ des Boulevard zur Wehr zu setzen. Als Kollege Kronzucker, der Infotainment-Erfinder, eine Geschichte über den Popstar Falco vor dem Bericht zur Bundestagssitzung brachte, hielt ihm Trampe eine Predigt über Aufgabe und Ethos des Journalisten.

Gustav Trampe hatte beim Münchner Merkur volontiert, bei der Süddeutschen und bei der „Welt“ gearbeitet. 1966 ging er zum Fernsehen. Wer etwas von Deutschland erfahren wollte, schaute nun in seine kritischen Augen, deren tiefe Ringe die Entschlossenheit seiner Sätze betonten. Der promovierte Historiker wusste immer mehr als er sagte.

Aus New York meldete er sich, später aus Brüssel. Den Nato-Doppelbeschluss in fernsehtaugliche Sätze zu zerlegen, gelang ihm mühelos. Nach seiner Brüsseler Zeit wollte er nach Paris wechseln, aber das ZDF brauchte 1988 einen Studioleiter in Berlin. Für einen Journalisten gab es keinen besseren Moment, in die Mauerstadt zu wechseln. „Kennzeichen D“, diese deutsche Schicksalssendung, moderierte er fünf Jahre lang.

Als er nach „gravierenden Fehleinschätzungen“ in seiner Laufbahn gefragt wurde, erzählte Trampe von den Olympischen Spielen 1972. Am Abend, nachdem er den ganzen Tag moderiert hatte, ging die Meldung ein, alle Geiseln seien gerettet. Um 23 Uhr verabschiedete sich Trampe mit diesem Informationsstand von seinen Zuschauern. Zwei Stunden später waren die Geiseln tot. „Es war nicht mein Fehler“, sagte Trampe, „aber es blieb ein Unwohlsein.“

Heute wird Gustav Trampe auf dem Französischen Friedhof beerdigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar