Wirtschaft : Gut geführt

Die Anforderungen an Chefs sind hoch. Aber leiten kann man lernen. Wie Pferde dabei helfen können

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Das Pferd bockt. Es bleibt einfach stehen, während Christian Arns weiter geht. Eigentlich sollte es ihm folgen, aber es zögert. Warum sollte es dem Menschen da vorne nachtraben, weiß der, was er tut? Dem Pferd ist es egal, dass es da eine Führungskraft vor sich hat, den Leiter der Presseakademie in Berlin. Für das Tier zählt nur, was Arns in dem Moment ausstrahlt. Sicherheit und Autorität oder Nervosität und Unsicherheit? Christian Arns dreht den Kopf, schaut zurück zum zögernden Pferd, das langsamer geworden ist und nun nicht mehr hinter ihm herläuft. Der 42-Jährige geht zurück, will es abholen, redet ihm gut zu, „du schaffst das“. Erfolg hat er damit nicht. Später sieht er sich auf einer Videoaufnahme dabei zu, wie er das Pferd mit Argumenten zu überreden versucht. „Das war total falsch, ich hätte einfach weitergehen sollen“, sagt er jetzt. So habe er das Zögern des Pferdes unterstützt, statt Sicherheit zu demonstrieren.

„Das war für mich die eindrucksvollste Erfahrung“, sagt er über seine Teilnahme an dem Führungskräfteseminar, welches im Umgang mit Pferden die eigenen Stärken und Schwächen sichtbar machen soll. „Ich habe nur geredet und nicht mit meiner Körpersprache gearbeitet“, musste er im Nachhinein erkennen. Die Videoaufnahmen lieferten den Aha-Effekt.

„Pferde erkennen Führungspersönlichkeiten und folgen nur, wenn Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und Wertschätzung gezeigt werden“, sagt Julia Niles, Geschäftsführerin von Kalia Training und Coaching in Berlin. Seit Anfang Mai bietet die ausgebildete Trainerin für pferdegestütztes Coaching die Seminare an, Hauptsitz ist das Rosencarree, ein Hof im Berliner Umland. Sie arbeitet außerdem mit Stall- und Gutsanlagen in ganz Deutschland zusammen, bietet Seminare für Führungskräfte und zur Teamentwicklung auch deutschlandweit.

Chef sein ist nicht leicht. Man muss Entscheidungen treffen, auch schlechte Botschaften übermitteln, das Team zusammenhalten, die Firma repräsentieren. „Dazu braucht es, je nach Situation, die richtige Körpersprache, man muss argumentativ stark sein und den eigenen sowie den Arbeitsalltag der Abteilung strukturieren können“, sagt Christian Püttjer von der Karriereakademie, der selbst Führungskräfte coacht und Seminare anbietet. Vor allem müsse an der Beziehungsebene gearbeitet werden, ein Chef müsse Visionen erklären können. Fragt sich ein Mitarbeiter, warum ausgerechnet er ausgerechnet jetzt Überstunden machen soll, stört das die Motivation und die Stimmung. „Führungskräfte müssen auch Wertschätzung ausdrücken“, sagt Püttjer. Diese sozialen Kompetenzen kann man lernen.

Das Angebot an Coachings ist groß, ob mit Pferden oder Wölfen, bei abenteuerlichen Outdooraktionen oder ganz nüchtern mit Rollenspielen. „Zuerst sollten sich Interessierte überlegen, was sie überhaupt brauchen, wo sie ansetzen wollen“, sagt Michael Cordes von Stiftung Warentest, Gruppenleiter für Weiterbildung. Ein Kurs bei der Volkshochschule kann genauso sinnvoll sein wie ein teures Seminar. Wem aber auch der Netzwerkaspekt wichtig ist, solle dementsprechend ein exklusiveres Angebot auswählen. Ein gutes Seminar müsse eine ausgewogene Mischung aus Theorie und Praxis bieten, Inhalte wie die verschiedenen Führungsziele, -aufgaben und -stile, Gesprächsführung, Körpersprache und Motivation sollten aufgegriffen werden. Daneben sei auch die Teilnehmerstruktur sehr wichtig. So mache es wenig Sinn, Branchenfremde zusammen zu bringen. Optimal seien mindestens vier Personen, höchstens acht.

Nach dem Theorieblock müsse die Praxis folgen, auch begleitend zwei bis drei Wochen nach dem Seminar, meint Püttjer. „Daran hapert es leider sehr oft“, sagt Cordes von Stiftung Warentest. Meist gehe es eben darum, Impulse zu setzen und die Teilnehmer müssten sehen, was sie daraus machen. Gegenüber exotischen Angeboten wie dem von Julia Niles ist der Tester skeptisch. Nur wenn man die Erfahrungen im Berufsalltag anwendet, hält er sie für sinnvoll. „Erlebnisorientierte Seminare sind für die Teamentwicklung sehr gut, aber sie spiegeln nicht die Arbeitssituation wider“, sagt Püttjer. Christian Arns, der zuvor noch fürchtete, ihn erwarte ein esoterisch angehauchtes Pferdemädchenseminar, hat die Kritik der Pferde angenommen. Bald bekommt er die Videoaufnahmen zugeschickt, wie alle Teilnehmer bei Niles.

„Unser Angebot ist ein erlebnisorientiertes Seminar, wir wollen Impulse setzen und die Teilnehmer ins Handeln bringen“, sagt Niles über ihr Coachingkonzept. Erfahrung mit Pferden sei nicht nötig. Mit fünf Jahren hat sie Liebe zu Pferden gepackt. Nach langer PR-Tätigkeit absolvierte sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und Akupunkteurin für Pferde und kam durch ihre Businesscoacherfahrung auf die Idee, beides zusammen zu bringen. Sie hat sich zur Trainerin ausbilden lassen und mit ihrer Agentur ein eigenes Konzept erarbeitet. „Pferde und Menschen verbindet eine lange Geschichte, in ihrem sozialen Verhalten sind sie sich sehr ähnlich“, sagt die 32-Jährige. Beide wollten sich führen lassen. Der Unterschied: Dem Menschen könne man etwas vormachen, dem Pferd nicht.

Zu Beginn sollen die Teilnehmer erraten, welches Pferd in der Herde der Chef ist. „Die Antworten bringen schon viel über den eigenen Führungsstil zum Ausdruck“, sagt Niles. Es werden alle Übungen, auch Rollenspiele, per Video aufgenommen, um das Selbst- und das Fremdbild abzugleichen. „Die Teilnehmer lernen situatives Führen, sich an die Umstände und das Pferd anzupassen“, sagt sie. Dies sei auf den Umgang mit Mitarbeitern und Kunden übertragbar. In einer anderen Übung müssen die Teilnehmer ein Pferd mit Seil und später – die Königsdisziplin – ohne Hilfsmittel durch einen Parcour lotsen. Die Führungskräfte lernten außerdem, Feedback anzunehmen: Spätestens in der Videoaufnahme sehen sie, wie sich ihr Verhalten auf das Pferd auswirkt. „Anders als bei Menschen kann man den Tieren keine Druckmittel anwenden, sondern nur durch Verhalten überzeugen“.

Beim krönenden Abschluss im Parcour hätte es bei Christian Arns viel besser geklappt. Auch zwei Wochen später beobachte er an sich Veränderungen im Führungsalltag, in einer Dienstbesprechung zum Beispiel. Letztendlich ginge es bei dem Seminar nicht darum, Pferde durch die Gegend zu führen, sondern um die Selbsterkenntnis im Umgang mit ihnen. „Ich habe die Impulse mitgenommen“.

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