Wirtschaft : Gute Gründe für den starken Euro

WERNER BENKHOF[(HB)]

Die Europäische Währungsunion kann privaten Investoren gute Gewinnchancen bieten / Die Flucht in Sachwerte ist unnötigVON WERNER BENKHOF, (HB)

DÜSSELDORF.Was wird aus meinem Geld, wenn der Euro kommt? Entwerten sich meine Ersparnisse beim Umtausch in die neue Währung? Heizt der Euro die Inflation an? Kann ich mich dagegen schützen? Soll ich in Sachwerte gehen oder andere Währungen? Bange Fragen, die viele Bundesbürger beunruhigen.Um eines von vornherein klar zu stellen: Die Währungsunion ist keine Währungsreform wie die von 1948.In einer Währungsreform wird eine zerrüttete Währung saniert.Davon kann hier gar keine Rede sein. Ein Vergleich mit der deutschen Währungsunion ist ebenfalls fragwürdig.Nationale Währungen wie die D-Mark werden auf den Euro umgestellt.Ein Wertverlust ist damit nicht verbunden.Die Währungsunion allein macht nicht reicher oder ärmer.Man kann den Übergang zum Euro am besten mit einer Umstellung von Meilen auf Kilometer vergleichen.Es ändern sich Zahl und Bezeichnung, aber die Entfernung zwischen zwei geographischen Punkten bleibt gleich.In den letzten Wochen wurde heftig darüber gestritten, ob Deutschland wohl das Defizitkriterium schaffen und die Bedingungen für die Teilnahme an der Währungsunion erfüllen würde.Der Eindruck entstand, als hinge die Stabilität des Euro von ein paar Stellen hinter dem Komma ab.Die Diskussion ist irreführend.Es läßt sich kein direkter Bezug zwischen der Höhe der staatlichen Neuverschuldung und der Währungsstabilität ableiten, Voraussetzung ist freilich, daß sich die beteiligten Staaten diszipliniert mit ihrer Schuldenpolitik zurückhalten, damit die Wirksamkeit der europäischen Geldpolitik nicht beeinträchtigt wird. Wird der Euro stabil? Die Frage enthält zwei Aspekte.Gemeint ist auf der einen Seite die Stabilität des Binnenwertes, also die Preisstabilität.Und auf der anderen Seite die Stabilität des Außenwertes, also des Wechselkurses.Es ist allen EU-Staaten mit Ausnahme Griechenlands gelungen, ihre Inflationsraten nahe an zwei Prozent und noch tiefer zu drücken.Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Lohnzurückhaltung, zunehmender globaler Wettbewerb, moderate Rohstoffpreisentwicklung, Kraftakte der Fiskalpolitik und erfolgreiche Steuerung der Geldpolitik.Ob diese Preisstabilität erhalten bleibt, hängt also nicht allein von der Währungsunion und der Europäischen Zentralbank (EZB) ab.Im Maastricht-Vertrag ist dafür gesorgt, daß die EZB ihren Part jedenfalls erfolgreich spielen kann.Ein vorbildliches Statut sichert ihre Unabhängigkeit.Ihre Politik wird sich im Großen und Ganzen an Grundzügen ausrichten, die sich in Deutschland und anderen Ländern bewährt haben.Die EZB muß sich noch das Vertrauen der Finanzmärkte erwerben und das gelingt am besten, wenn sie die geldpolitischen Zügel von Anfang an straff hält.Die Voraussetzungen sind gut, daß Preisstabilität erhalten werden kann, wenn die Fiskalpolitiker und die Tarifparteien sich konform verhalten. Damit können Anleger schon eine Vorentscheidung treffen: Eine Flucht in Sachwerte ist unnötig.Mit der Stabilität wird auch eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Aktienkultur in Europa geschaffen.Denn die Zinsen können aus heutiger Sicht niedrig bleiben.Damit gewinnt die Aktie an Attraktivität gegenüber festverzinslichen Anleihen.Und es wird damit ebenfalls die Frage nach der Stärke des Euro an den Devisenmärkten, vor allem gegenüber dem Dollar, Yen und anderen Drittwährungen, beantwortet: Bei einem stabilen Binnenwert tendiert der Wechselkurs nach oben.Für einen starken Euro nach außen dürfte auch die Vermutung sprechen, daß der Euro eine bedeutende Handels- und Reservewährung wird.Und die Tatsache, daß der EWU-Block hohe Handelsüberschüsse mit der übrigen Welt hat, während die hohen US-Außenhandelsdefizite den Dollar eher schwächen. Schließlich wird dem Euro auch ein großer, attraktiver Finanzmarkt mit neuen Anlage- und Finanzierungsmöglichkeiten helfen.Ein solcher Finanzmarkt in einem vergrößerten Währungsgebiet wird Anleger aus anderen Teilen der Welt anlocken.Dennoch kann der Euro vorübergehend unter Druck, solange die EZB nicht bewiesen hat, daß sie mit ihren Aufgaben genauso gut fertig wird wie die Bundesbank.Die Finanzmärkte werden wohl auch negativ reagieren, wenn sich zeigt, daß die Mechanismen für die Haushaltsdisziplinierung nach dem EWU-Beitritt nicht ausreichen. Welches sind die nächsten, für den Anleger relevanten Schritte auf dem Wege zum Euro? Die Regierungschefs werden Ende April oder Anfang Mai den Teilnehmerkreis für die Währungsunion festlegen.Elf der 15 EU-Staaten - so das gegenwärtige Kalkül - könnten dabei sein.Nicht mit von der Partie werden wahrscheinlich die Briten, Dänen, Schweden und Griechen sein.Die dänische Regierung müßte vor einem Beitritt noch einmal das Volk befragen.Die Briten haben sich im Maastricht-Vertrag ebenfalls eine Sonderstellung einräumen lassen.Aber die Regierung Blair hat schon zu erkennen gegeben, daß sie der Währungsunion so bald wie möglich beitreten will.Der Starter-Gruppe kann sich Großbritannien ohne Verbiegen des Maastricht-Vertrages freilich noch nicht anschließen.Der Pfundkurs muß zwei Jahre lang stabil gewesen sein und der Kapitalzins sich denen der Beitrittsländer angeglichen haben. Zudem hat Blair versprochen, das Volk über den Beitritt abstimmen zu lassen.Wenn die Briten den Euro übernehmen, dürften die noch zögernden Schweden alsbald folgen.In der Regierungskonferenz sollen schon Verfahren und Kurse bekanntgegeben werden, zu denen acht Monate später die einzelnen Währungen auf den Euro umgestellt werden.Die Währungsunion beginnt also de facto schon mit der Regierungskonferenz im Frühjahr.Spätestens dann müssen die Zentralbanken beginnen, ihre Geldpolitik aufeinander abzustimmen, die Anfang 1999, dem eigentlichen Start der Währungsunion, in die Verantwortung der EZB übergeht.Koordination heißt vor allem Zusammenführen der kurzfristigen Zinssätze, die die Zentralbanken über ihre Leitzinsen direkt beeinflussen.In einem gemeinsamen Währungsraum sind die Notenbank- und damit die Geldmarktzinsen gleich.Der zentrale Leitzins der EZB wird der Zinssatz (Reposatz) sein, zu dem die EZB den Banken Zentralbankgeld zur Verfügung stellt. Der Euro kann die europäischen Kapitalmärkte von der Provinz- in die Weltliga katapultieren, schwärmen Experten."Die Europäische Währungsunion stellt für die europäischen Kapitalmärkte und Börsen einen historisch einmaligen Strukturbruch dar", schreibt die Vereinsbank in München.Diese Entwicklung führe zu einer "schöpferischen Zerstörung".Große Aktien- und Rentenmärkte entstehen mit erheblich verbesserten Marktstrukturen und neuen, attraktiven Angeboten für eine wachsende Zahl von Anlegern.Der Euro sorgt dafür, daß der noch stark fragmentierte Aktienmarkt Europas zusammenwächst.

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