Wirtschaft : Gute Infrastruktur zu wenig genutzt

Deutsche Daten- und Telefonnetze wachsen überdurchschnittlich / Branche fehlen rund 50 000 Leute FRANKFURT (MAIN) (ro/AP/ADN).In der deutschen Informationswirtschaft werden Chancen für neue Arbeitsplätze verspielt, weil immer noch zu hohe bürokratische Hürden bestehen oder sogar neue Vorschriften angedacht werden.Das kritisierte Jörg Harms, Vorsitzender des Fachverbandes Informationstechnik des Maschinenbauverbandes VDMA und des Elektronikverbandes ZVEI, bei der Vorstellung einer Studie des Verbandes am Dienstag in Frankfurt (Main).Zwar seien in der EDV-, Kommunikations- und Software-Branche 1996 und 1997 rund 100 000 neue Jobs entstanden und 1998 werden vermutlich 9100 weitere dazukommen."Aber es hätten gut 50 000 mehr sein können", sagte Harms.Derzeit beschäftigt die Branche rund 1,72 Millionen Menschen.Die Politik habe noch nicht erkannt, kritisierte Harms, daß sich die Informationsgesellschaft und -wirtschaft einer nationalen Regulierung weitgehend entzieht.Die Kulturhoheit der Länder und der Medienstaatsvertrag seien ebenso Hindernisse wie etwa die schädliche Diskussion um Rundfunkgebühren für geschäftlich genutzte Internet-PCs.Auch die Zunftregeln, die als Handwerksordnung Softwarehäuser und Computerhändler treffen, seien völlig überholt.Harms verweist auch auf den Fachkräftemangel.Fast jedes Computer- oder Software- Unternehmen habe derzeit offene Stellen, die nicht besetzt werden könnten.Im Studiengang Informatik seien derzeit von 11 000 Studienplätzen nur etwa 7000 besetzt.Dabei brauche die Industrie jedes Jahr 20 000 Informatiker.Zwar hätten VDMA und ZVEI diverse Initiativen gestartet, aber das reiche nicht aus.Die bürokratischen Hindernisse und die Mängel sind nach Auffassung von Harms unverständlich.Denn die Basis für eine erfolgversprechende Entwicklung der Informationswirtschaft in Deutschland sei hervorragend.1997 habe die Entwicklung der Informations-Infrastruktur einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht.Deutschland wachse dabei schneller als die übrigen Länder.Digitale Hauptanschlüsse hätten 1997 auf hohem Niveau um weitere 20 Prozent zugelegt, die Zahl der ISDN-Anschlüsse habe sich verdoppelt und es gebe fast 40 Prozent mehr Internet-Direktzugänge als noch ein Jahr zuvor."Die Netzinfrastruktur ist schon jetzt weltweit an der Spitze.Deutschland besitzt mehr ISDN-Anschlüsse als Japan und die USA zusammen".Allerdings wird diese hervorragende Infrastruktur nach Ansicht von ZVEI und VDMA nicht entsprechend genutzt.Es gebe in Deutschland noch zu wenig Endgeräte, das Internet und Online-Dienste würden noch viel zu wenig in Anspruch genommen.Es gäbe insgesamt noch zu starke "mentale und emotionale Blockaden".Diese müßten in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik überwunden werden."Die Wirtschaft muß erkennen, daß zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit die Bewältigung des anstehenden Strukturwandels hin zur Informationswirtschaft überlebensnotwendig ist."In der jährlich aktualisierten Studie des Verbandes ist erstmalig auch die im Business-Sektor verfügbare Rechnerleistung untersucht worden.Dabei wurde festgestellt, daß knapp ein Drittel der in Europa vorhandenen Rechnerleistung in Deutschland installiert sei.In den kommenden Jahren sei mit einer Wachstumssteigerung von 50 Prozent jährlich zu rechnen.Viele Unternehmen haben nach Ansicht von Harms aber noch nicht erkannt, daß zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit die Bewältigung des anstehenden Strukturwandels hin zur Informationswirtschaft "überlebensnotwendig" ist.Der Anteil Deutschlands am europäischen Markt für Electronic Commerce liege derzeit bei geringen 9,5 Prozent.An anderen europäischen Hochtechnologiemärkten betrage der deutsche Anteil hingegen rund 30 Prozent.

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