Wirtschaft : Gute Stimmung bis zum Frühling

VANESSA LIERTZ

DÜSSELDORF .Die Börsen der Welt haben einen spektakulären Start in das neue Jahr hingelegt.Der Dow Jones sorgte bereits am Mittwoch mit einem neuen Allzeithoch für Aufsehen.Insgesamt legte der Dow in der vergangenen Woche rund fünf Prozent zu; die magische 10 000-Punkte-Marke ist nun in Sichtweite.Nirgendwo aber kletterten die Kurse so wie in Euroland.Der Euro Stoxx 50 allein ist in den ersten beiden Handelstagen dieses Jahres um 7,8 Prozent gestiegen, der Begriff "Europhorie" machte mal wieder die Runde.

Die neue europäische Währung ist indes nicht der einzige Treibstoff, der die Kurse in Bewegung hält.Wie üblich, fließt zu Jahresbeginn viel Kapital in die Märkte, und die Liquidität ist bekanntlich das Lebenselixier der Börse.Volker Borghoff, Analyst der DG-Bank, sagt auch für die kommenden Wochen einen steigenden DAX voraus.Bis Ende Januar rechnet er mit einem Stand von 5600 Punkten.Die gute Stimmung werde sich auf dem deutschen Parkett bis zum Frühling halten.

Dafür nennt Borghoff drei Gründe.Immer mehr institutionelle Anleger sind auf den Euro-Raum aufmerksam geworden.Das kommt dem Dax auch in den kommenden Wochen zugute.Rentenpapiere und andere Anleihen können Anleger bei dem gegenwärtig rekordtiefen Zinsniveau kaum locken.Und die DG-Bank rechnet damit, daß die Zinsen weiter sinken werden.So wird die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen des Kreditinstituts von derzeit 3,76 Prozent auf 3,5 Prozent nachgeben, prognostizierten die Banker.Fusionsphantasien in der Auto-Branche und im Telekom-Sektor werden die Aktienkurse im ersten Quartal dieses Jahres weiter nach oben treiben.

Die Stimmung bleibt gut, bis die Unternehmen mit ihren ersten Quartalsergebnissen aufwarten, meint Borghoff.Im Frühjahr, fürchtet er, werde das Klima an der Börse umschlagen, wenn die verlangsamende Weltkonjunktur in den deutschen Unternehmen weitere Spuren hinterläßt.Borghoff rechnet damit, daß viele Unternehmen wieder schlechte Nachrichten verkünden werden.Aus Brasilien erwartet Borghoff in der nächsten Zeit aber "kein größeres Risiko".Eine "echte Finanzkrise" könne es nicht geben, weil Auslandshilfen dies verhindern würden.Am Donnerstag hatte der Gouverneur des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais mitgeteilt, die Schuldentilgung bei der Staatskasse vorerst auszusetzen.Dies beunruhigte die Finanzmärkte, bis der brasilianische Präsident Henrique Cardoso versicherte, sein Land werde bestehende Verträge und die Tilgungsverpflichtungen einhalten.

Auf dem deutschen Aktienmarkt bieten sich Borghoff zufolge einige Kaufgelegenheiten.Er empfiehlt neben klassischen Titeln wie Metro, Allianz und DaimlerChrysler eine Aktie auf dem Neuen Markt: den Softwarehersteller SER Systeme.Mit 344 Euro sei die Aktie günstig bewertet, während viele Titel des Neuen Marktes "durch die Decke schießen".Die SER Systeme produziert Software für die Verwaltung von Dokumenten.Das sei ein attraktiver Wachstumsmarkt, sagt Borghoff.

Die Aktie des Softwareunternehmens SAP würde Borghoff hingegen im Augenblick nicht kaufen.Der Kurs des Softwareriesen war zum Jahresanfang gefallen, nachdem er über starke Umsatzeinbußen in Japan berichtet und seine Gewinnerwartungen nach unten korrigiert hatte.Die Ertragsentwicklung im vierten Quartal 1998 ist nach Meinung der DG-Bank "zu enttäuschend" gewesen, auch wenn SAP davon ausgehe, daß der Umsatzausfall in Japan nicht endgültig ist.Dennoch ist die Basis von SAP nach Ansicht der DG-Bank nach wie vor gut - mit neuen Produkten, mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung und einem wachsenden Vertrieb in der Welt.

Ein Favorit der Frankfurter Analysten ist der Finanz-Dienstleister Fortis Amev.Keine Krise habe dieses niederländische Unternehmen erschüttert, und seine Erträge wüchsen "überdurchschnittlich stark".An Versorgertiteln empfiehlt die DG-Bank Veba-Aktien, die sie für unterbewertet hält.RWE sei im Augenblick überbewertet, meinen die DG-Banker.Auch die Bankgesellschaft Berlin würde zur Zeit keine RWE-Titel kaufen.Auf längere Sicht sei das Papier aber eine "sichere Anlage", empfehlen die Berliner.Denn der Versorger könne sich auch in einem liberalisierten Energiemarkt mit steigendem Preisdruck behaupten, indem er weiter die Kosten reduziere.Die politische Debatte über einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergie sei aber weiterhin eine Bedrohung für die Versorger.Anlegern empfehlen die Berliner Analysten Papiere des Maschinenbauers Linde.Das schlechte internationale Umfeld spiegele sich bereits im Kurs wider.Und es sei möglich, daß Linde in nächster Zeit mehr Gewinn mache - mit dem Ausbau des internationalen Geschäfts und mit der Konzentration auf einzelne Geschäftsfelder.

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