Wirtschaft : Gutes Geld für die zweite Karriere

Aufsichtsräte großer deutscher Konzerne verdienen im Schnitt 67170 Euro – damit liegen sie in Europa in der Spitzengruppe

Dieter Fockenbrock

Berlin - Die Einkommen der Aufsichtsräte deutscher Aktiengesellschaften können sich sehen lassen. Im Vergleich mit den Topunternehmen des europäischen Stoxx 50 schneiden sie gut ab, obwohl immer wieder beklagt wird, dass qualifizierte Kontrolleure fehlen – weil sie hierzulande angeblich zu schlecht bezahlt werden. Nach einer Studie der Managementberatung Towers Perrin verdient der Aufsichtsrat eines Dax-30-Konzerns im Schnitt 67170 Euro, der Chef des Gremiums etwa das Dreifache. In Europa liegen sie damit im oberen Drittel.

Topverdiener sind die Berufsaufsichtsräte der Dax-Firmen: Schering-Aufsichtsratschef Giuseppe Vita, Manfred Schneider von Bayer, Gerhard Cromme von Thyssen-Krupp und Henning SchulteNoelle von der Allianz. Sie alle sind Ex-Vorstandschefs und nun zum obersten Kontrolleur ihrer Unternehmen aufgerückt. Eine Praxis, die selbst unter Managern umstritten ist. Auch bei anderen Konzernen sind sie nun gefragte Kontrolleure. Schneider ist mit sieben Mandaten der wohl Meistbeschäftigte in Deutschland. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist er bei Bayer und Linde, einfaches Mitglied bei Daimler-Chrysler, Allianz, Metro, RWE und Tui. Laut Towers Perrin bringt das jährlich 742510 Euro ein. Sehen lassen kann sich auch das Einkommen von Cromme: 592360 Euro erhält er für seine Jobs bei Thyssen-Krupp, VW, Siemens, Eon, Lufthansa und Allianz. Schulte-Noelle kassiert für seine vier Mandate (Eon, Siemens, Thyssen- Krupp, Allianz) gut 462000 Euro. Weniger bekannt ist Hermann Baumann – er sitzt den Siemens-Kontrolleuren vor und gibt seinen Rat bei Eon, Linde, Thyssen- Krupp und der Deutschen Bank. Ende 2004 wird ihm das 621360 Euro eingebracht haben. Bei Siemens löst ihn nun Heinrich von Pierer ab.

Doch Mandat ist nicht gleich Mandat. Lufthansa, Adidas, Henkel oder Infineon zahlen vergleichsweise wenig. Auch die Ex-Staatsbetriebe Post und Telekom sind unter finanziellen Aspekten wenig attraktiv. Michael Kramarsch, Partner bei Towers Perrin, erwartet, dass diese Firmen nicht mehr lange knausern können. Der Wettbewerb werde auch sie dazu zwingen, die Bezüge anzuheben.

Addiert hat Towers Perrin alles, was Aufsichtsräte für ihre Tätigkeit bekommen: feste Bezüge, Tantiemen, Sitzungsgelder, Versicherungen und Langfristanreize wie Aktienoptionen. Die Gewerkschaften lehnen solche variablen, etwa an den Aktienkurs gekoppelten Boni ab. „Das passt mit der Überwachungsaufgabe eines Aufsichtsrates nicht zusammen“, sagt Marie Seyboth vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Es erhöhe die Gefahr „kurzfristigen Denkens“, sagte sie dem Tagesspiegel am Sonntag. Für Arbeitnehmervertreter in den Gremien sei die Höhe der Vergütung kein Thema, „weil wir das nicht wegen des Geldes machen“.

Nach dem Mitbestimmungsgesetz wird die Hälfte des Aufsichtsrats mit Arbeitnehmervertretern besetzt. Gewerkschafter müssen Einnahmen daraus an die Hans-Böckler-Stiftung abführen. Die Forschungseinrichtung der Gewerkschaften verfügte zuletzt über einen Etat von 25 Millionen Euro, 90 Prozent davon haben Aufsichtsräte überwiesen. Nach den DGB-Regeln darf ein Gewerkschafter maximal 4600 Euro im Jahr aus Aufsichtsmandaten behalten.

Steigen werden die Bezüge der Kontrolleure 2004 zwischen zwei Prozent (Dax 30) und 33 Prozent (Tec-Dax) für einfache Mitglieder. Ein kritischer Trend, sagt der SPD-Finanzexperte Jörg-Otto Spiller. „Wenn gleichzeitig Arbeitsplätze abgebaut werden, dann lässt sich das nicht vereinbaren“, sagte er. Grundsätzlich sei nichts dagegen einzuwenden, dass ein Unternehmen in guten Zeiten Manager und Aufsichtsräte gut bezahle. Bei der Höhe einiger Vergütungen sei damit aber eine besondere Verantwortung verbunden. Segneten Aufsichtsräte schlechte Entscheidungen ab, „dann muss das auch spürbare Kürzungen zur Folge haben“, findet Spiller.

Das bestbezahlte Mandat unter den Aufsichtsratschefs hat laut Towers Perrin in diesem Jahr Giuseppe Vita von Schering mit 713440 Euro. Der Pharmakonzern bezeichnet aber die Berechungen als „nicht zutreffend“. Vitas Vergütung liege „um mehrere hunderttausend Euro unter dem von Towers Perrin ermittelten Betrag“. Die Angaben enthielten einen „entscheidenden Fehler“, weil „große Teile der bereits für 2003 gewährten Vergütung“ in den für 2004 ermittelten Daten enthalten seien. Towers Perrin ist verwundert über die Kritik. Kramarsch sagt, die Analyse werde jetzt zum dritten Mal vorgelegt und sei bislang von keinem Konzern in Frage gestellt worden. Sie entspreche internationalen Standards. Schering sei im Übrigen ein „mutiger Vorreiter in Fragen der Aufsichtsratsvergütung“, sagt Kramarsch. Vor allem seit das Berliner Unternehmen die variable Vergütung seiner Kontrolleure nicht mehr an die Dividende koppelt, sondern an andere Erfolgskriterien. Die 2004 beendete Dividendenbindung ist laut Towers Perrin auch der Grund dafür, dass bei Schering die „Vergütung explodiert ist“.

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