Haiti : Der zerstörte Aufschwung

Das Erdbeben vor einem Monat vernichtete mühsam aufgebaute Perspektiven. Investoren und Unternehmen wenden sich von dem karibischen Armenhaus ab.

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Puebla, Mexiko - Haiti hatte gerade begonnen, sich wieder aufzurappeln. Nach Jahren der Instabilität und der Naturkatastrophen konnte das Land 2009 wieder ein Wirtschaftswachstum von knapp drei Prozent verzeichnen. Eine Geberkonferenz hatte 324 Millionen Dollar Finanzhilfe zugesagt, die Gläubiger des Landes einen Schuldenerlass von 1,2 Millionen Dollar bewilligt. Die Ernte war gut, und auch mit den USA lief es besser. Das US- Außenministerium in Washington hob seine Reisewarnung auf, der Kongress strich die Importzölle auf haitianische Textilien.

Die Zeichen standen auf Aufschwung. Ausländische Investoren fanden wieder Interesse an dem karibischen Armenhaus: Mehr als 200 Wirtschaftsvertreter folgten einer Einladung des ehemaligen US-Präsidenten und UN-Sonderbeauftragten für Haiti, Bill Clinton, nach Port- au-Prince, darunter bekannte Firmen wie Levi’s und Gap. Große Banken boten Kredite an. Haitis extrem niedrige Lohnkosten – im Schnitt fünf Dollar pro Tag – klangen verlockend, trotz der Kriminalität und der weit verbreiteten Korruption. „Es ist hier nicht so schlimm, wie immer berichtet wird“, simste am Ende der Tagung einer der Teilnehmer erleichtert in die US-Heimat. „Das Investitionsklima ist freundlich“, stellte auch der kanadische Botschafter zufrieden fest.

„Haiti steht in den Startlöchern“, freute sich die damalige Premierministerin Michelle Pierre-Louis. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, Haiti könne zu einer Erfolgsgeschichte werden, wenn jetzt alle an einem Strang zögen. Doch das schwere Beben vor einem Monat vernichtete die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in wenigen Sekunden. „Mit einem Schlag war all unsere Arbeit von Monaten zunichte“, sagt Anton Edmunds von der Karibisch-Mittelamerikanischen Aktion, einem Lobbyrat der Region. Es gab Pläne für neue Hotels an der Karibikküste und für die Rückkehr einiger Textil-Maquiladoras, die nach dem Militärputsch gegen Jean-Bertrand Aristide 1991 und dem daraufhin erlassenen US-Embargo das Land verlassen hatten. 130 000 Menschen waren vor dem Embargo im Textilsektor beschäftigt, danach waren es noch 17 000 – aber im vergangenen Jahr wurden immerhin 10 000 neue Arbeitsplätze in dem Sektor geschaffen. Royal Caribbean Cruises, das seit Jahren auf seinen Karibikkreuzfahrten einen Abstecher nach Cap Haitien macht, wollte außerdem 55 Millionen Dollar in den Bau einer neuen Anlegestelle und eines Resorts investieren. Best Western plante ein Hotel in Petionville, und auch der ungarische Börsenspekulant und Mäzen George Soros hatte einen Industriepark neben dem Armenviertel Cité Soleil in Aussicht gestellt.

Doch nun liegt alles brach. Die Fertigungshalle des T-Shirt-Herstellers Palm Apparel stürzte ein und begrub 500 Arbeiter unter sich. Palm Apparel arbeitete im Auftrag des kanadischen Textilkonzerns Gildan, der umgehend seine Produktion in andere Länder verlegte. Auch der informelle Handel, der einem Großteil der Bevölkerung ein Einkommen verschaffte, wurde schwer getroffen. Das Viertel um den Markt von Port-au- Prince liegt in Trümmern, die Waren sind darunter begraben. Die fliegenden Händler, für die ein Sack Reis und ein paar T-Shirts oft das einzige Inventar waren, sind ihrer Existenzgrundlage beraubt.

Bis die nötige Infrastruktur für neue Investitionen geschaffen wird, werden Jahre vergehen. 20 Prozent der Gebäude im Großraum Port-au-Prince sind zerstört, 50 Prozent seiner Wirtschaftskraft hat das Land nach Schätzungen des ehemaligen Finanzministers Daniel Dorsainvil eingebüßt. Das öffentliche Strom- und Wassernetz – schon vor dem Beben prekär – ist völlig zerstört. Der einzige Wirtschaftszweig, der derzeit blüht, ist der Schwarzmarkt. „Wir haben keine Perspektive mehr und leben nur noch im hier und jetzt“, sagt ein Händler. Merkwürdig klingt da IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn, der es als „nicht unrealistisch“ darstellt, mit internationaler Hilfe aus den Ruinen eine „blühende Nation“ zu schaffen.

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