Wirtschaft : Hamburg liest Berlin die Leviten

Bürgermeister Ole von Beust kritisiert ziemlich viel – auch die Flughafenplanung

Moritz Döbler

Berlin – Friedbert Pflüger war nicht da. Der CDU-Spitzenkandidat stellte sich am Montagmorgen zeitgleich bei der Industrie- und Handelskammer den Fragen aus der Berliner Wirtschaft. So konnte er nicht erleben, wie sein Parteifreund Ole von Beust aus Hamburg in einem 45-minütigen Vortrag die Zukunft der Hauptstadt skizzierte. „Mir liegt nicht daran, Berlin belehren zu wollen“, sagte der Erste Bürgermeister der Hansestadt im Reichstagsrestaurant hoch über den Dächern der Stadt – und tat es dann doch.

Berlin könne auch wirtschaftlich eines der Zentren Europas werden – mit den bestehenden Planungen für den Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) gelinge das aber nicht. „Ich bezweifle, dass Sie so etwas werden, wenn Sie einen Großflughafen mit Nachtflugverbot bauen.“ Dass Berlin als eine der wenigen Metropolen der Welt mit Tempelhof über einen Flughafen im Zentrum verfüge, diesen aber schließen wolle, begreife er überhaupt nicht. „Den dicht zu machen, finde ich ziemlich bescheuert.“ Für die Wirtschaftskraft Berlins sei die Ansiedlung von Industrie unverzichtbar, das zeigten die Hamburger Erfahrungen. „Eine Metropole, die Erfolg haben will, kann nicht nur aus Dienstleistungen bestehen“, sagte er. „Wir können uns nicht den ganzen Tag die Haare schneiden und Maßanzüge anfertigen.“ Dafür müsse man auch den Ärger von Anwohnern in Kauf nehmen, wie die Airbus-Werft an der Elbe zeige. Nötig sei ein Leitbild, wie die Hauptstadt in zehn Jahren aussehen solle. „Berlin lebt so ein bisschen fröhlich von der Situation, was sich gerade ergibt. Hauptstadt zu sein, reicht aber nicht aus.“ Vielleicht könne man sich in Wissenschaft und Kultur auch ergänzen, das sei doch eine riesige Chance: „Es muss nicht jeder immer alles machen.“

Hamburg sehe sich mit Berlin im Wettbewerb um die Olympia-Ausschreibung „für das Jahr 2016 und folgende“ – man könne aber durchaus die Bundesländer verstehen, die angesichts der Haushaltslage Berlins kritisch nach der Finanzierung dieses Großereignisses fragten. Hamburg wolle in fünf Jahren einen ausgeglichenen Gesamthaushalt vorlegen.

Dass auch bei einem anderen Reizthema weiterhin Konkurrenz herrscht, war einem Nebensatz zu entnehmen: „Wir sind jetzt noch in Gesprächen über eine engere Zusammenarbeit“, sagte von Beust über die Deutsche Bahn, den größten Arbeitgeber der Berliner Wirtschaft, dessen Einstieg in den Hamburger Hafen nicht zustandegekommen war. Zeitweise war der Umzug des Unternehmens erwogen, aber von der Bundesregierung gestoppt worden.

Trotz der schönen Hamburger Töne bleibt auch Hans Wall Berlin erhalten. Der Außenwerbeunternehmer hörte genau zu – schließlich bewirbt er sich um einen großen Auftrag in der Hansestadt. Sein Umzug, mit dem er aus Ärger über den Verkauf der städtischen Werbefirma VVR-Berek an den französischen Konkurrenten JC Decaux gedroht hatte, ist aber endgültig vom Tisch. „Ich bleibe in Berlin, keine Sorge. Ich lasse mir meine Ideen nicht kaputt machen.“ Die Beziehungen zum Senat seien auch wieder bestens. „Es hilft ja nichts. Ich bin ja von der Politik abhängig.“

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