Wirtschaft : Handel an russischer Börse wegen Überhitzung unterbrochen

ELKE WINDISCH

MOSKAU .Nach den schweren Verlusten der Vortage ist der Handel an der russischen Aktienbörse am Freitag nachmittag wegen Überhitzung für 15 Minuten unterbrochen worden.Der RTS-Aktienindex war im Vergleich zum Vortagesschluß (101,17) um 13,67 Prozent gestiegen und lag bei Börsenschluß bei 115 Punkten.

Bisher hatte die staatliche Wertpapierkommission eher wegen Kurseinbrüchen den Handel unterbrochen.Am Donnerstag vormittag etwa hatte sie für kurze Zeit die Notbremse gezogen: Die Börsen in Moskau und St.Petersburg erhielten Order, sämtliche Transaktionen sofort zu stoppen - beileibe nicht zum ersten Mal.Einschlägige Gesetze sehen die Unterbrechung des Wertpapierhandels bereits bei einem Kurseinbruch von zehn Prozent vor.Am Donnerstag aber waren die Aktien russischer Top-Unternehmen im Durchschnitt um 25 Prozentpunkte gefallen und kosteten danach in etwa so wenig wie im August 1995, am Vorabend der ersten Bankenkrise, bei der der Rubel innerhalb eines Tages ein Drittel an Wert verlor.Die Zinsen für Staatsanleihen, die nächstes Jahr fällig werden, schnellten dagegen auf 300 Prozent empor - am Freitag aber stiegen die Kurse so kräftig, daß ihre Rendite wieder auf 110 bis 140 Prozent zurückfiel.

Für den US-amerikanischen Finanzhai George Soros, der eine Abwertung des Rubels um 15 bis 25 Prozent für unumgänglich hält, waren es deutliche Symptome für die "Endphase der russischen Wirtschaftskrise".Russische Spitzenpolitiker dagegen bemühten sich um Verharmlosung: Jelzin angelt in seinem Urlaubsdomizil im Waldai-Gebirge Fische und sah am Donnerstag bei einer Sight-seeing-Tour in der altrussischen Stadt Nowgorod keinen Grund zur Panik.Eine Abwertung des Rubels schloß er kategorisch aus.Daraufhin begann am Freitag die Erholung der Kurse an der Rußlands Aktienbörse.

Die Regierung hatte auf ihrer turnusmäßigen Sitzung am Donnerstag "verschärfte Kontrollen über die allgemeine Einführung von Registrierkassen im Einzelhandel zwecks Vermeidung der Steuerhinterziehung" zum Hauptthema gemacht.Und Premier Sergej Kirijenko, der eine Rubel-Abwertung ebenso vehement ausschließt, konnte keine Finanz-, sondern nur eine "psychologische Krise der Marktteilnehmer" ausmachen.Sollte er damit die akute Vertrauenskrise meinen, kommt er der Wahrheit bedenklich nahe.Nicht nur Spekulanten, wie Soros, auch Investoren zweifeln an der Bonität Moskaus.Zu Recht: Die erste Tranche des 22-Mrd.-Dollar-Stabilisierungskredits, den Weltbank und Internationaler Währungsfond Moskau Anfang Juli gewährten, geht zur Begleichung der Staatsschulden drauf.Für laufende Verpflichtungen werden bis Jahresende monatlich um die 30 Mrd.Rubel gebraucht.Mit der zweiten, für September erwarteten Tranche, sollen Löcher im Haushalt gestopft werden.Vereinbart war indessen, das Geld zur Auffüllung der Devisenreserven der Zentralbank zu verwenden.Diese waren Ende Juni auf 14 Mrd.geschrumpft.Der Grund: Ein künstlich hochgehaltener Rubelkurs, an dem Rußlands Währungshüter auf Biegen und Brechen weiter festhalten müssen - anderenfalls droht ein Seriencrash der wichtigsten Handelsbanken, die bei der Zentralbank mit Milliarden in der Kreide stehen.

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