Handel, Bau, Salzhersteller : Wie der milde Winter das Geschäft verändert

Ein Winter ohne Frost stellt einige Branchen vor unerwartete Probleme. Der Textilhandel klagt über schleppenden Absatz. Und die Baubranche ruft gar nach dem Staat.

von und Manuel Vering
Erst unterhalb von fünf Grad wird die Arbeit auf Baustellen schwierig.
Erst unterhalb von fünf Grad wird die Arbeit auf Baustellen schwierig.Foto: dpa

Von Frühling kann noch keine Rede sein. Aber dieser Winter bietet bisher weder Frost noch Schnee: So einen milden Jahresauftakt haben Berlins Bauunternehmer zum Beispiel schon seit Jahren nicht mehr erlebt. „Die aktuelle Wetterlage ist für die Branche absolut ungewöhnlich“, sagt Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg. „Eigentlich gehen die Baufirmen davon aus, dass sie von Januar bis März nicht bauen können – spätestens nach Weihnachten ist auf den Baustellen Schluss.“ Als Faustregel gilt: Ab fünf Grad über null gibt es für die Mitarbeiter auf den Baustellen etwas zu tun.

Nun aber könnten die Betriebe wegen des milden Wetters Aufträge abarbeiten, die in kalten Wintern bis zum Frühjahr liegen bleiben würden. „Das macht die Liquiditätssituation in den Bauunternehmen etwas entspannter als in anderen Jahren“, sagt Wunschel. Mit Schrecken erinnert er sich an das Vorjahr, in dem der Winter erst im Februar so richtig loslegte – und bis in den April hinein dauerte. Erst danach konnte auf Berlins Baustellen wieder gearbeitet werden. „Das hat die ausführenden Firmen dramatisch belastet“, sagt Wunschel.

Generell sei ein milder Winter für die Auftragnehmer in der Baubranche kein Problem, erklärt der Verbandschef. „Die halten ihre Belegschaften unabhängig vom Wetter und sind jederzeit einsatzbereit.“ Wunschel sorgt sich eher darum, dass für die Bauunternehmen nicht genügend Anschlussaufträge da sind, sollte es bei dem milden Winter bleiben. Deswegen sollte vor allem die öffentliche Hand jetzt Bauprojekte etwa im Leitungs-, Kanal- und Straßenbau ausschreiben, fordert er. „Sonst ist die gute Ausgangslage vertan.“

Daunenjacken verkaufen sich nur, wenn es kalt ist

Dem Einzelhandel ist es in diesem Winter bisher zu mild. Besonders betroffen sind laut Günter Päts vom Handelsverband Berlin Brandenburg (HBB) die Bereiche, in denen Saisonware verkauft wird, wie etwa der Sportwaren- und Textilhandel. Letzterer ist im Winter auf Bedarfskäufe angewiesen und die bleiben derzeit aus. „Daunenjacken werden eben nur dann gekauft, wenn es kalt ist“, weiß Päts. Aber auch alle anderen warmen Kleidungsstücke und Wintersportartikel seien betroffen. Das führe zu einem „Winter-Zwischenverkauf“, der wie ein vorgezogener Winterschlussverkauf die Kunden mit Rabatten locken soll. „Das ist problematisch für den Saisonhandel, denn so können die Verkäufer ihre Gewinne nicht einfahren.“

Im Sportbereich werden weniger Wintersportartikel gekauft und die Baumärkte werden Streusalz und Schneeschieber nicht los. Allerdings geht Päts davon aus, dass die Preise anziehen werden, sobald es in Berlin und Brandenburg dann doch noch mal kalt wird – das wäre laut Wetterbericht schon in der kommenden Woche.

Winterreifen sind nicht das Problem

Auch das Kraftfahrzeuggewerbe bemängelt die geringe Nachfrage nach den typischen Winterartikeln. Der Verkauf von Schneeketten, Eiskratzern, Scheibenfrostschutz und Batterien läuft normalerweise um diese Zeit auf Hochtouren – aber nicht in diesem Winter. „Natürlich bekommen wir das zu spüren“, sagt Annette Bornfeld, Managerin beim Kfz-Dienstleister Pitstop. „Zufriedenstellend verliefen für uns die Umrüstungen von Sommer- auf Winterbereifung. Diese liegen auf unverändert hohem Niveau.“ Auch der Verkauf der Winterreifen liefe weiterhin gut. Dazu dürfte die seit Dezember 2010 gesetzlich geregelte Winterreifenpflicht beitragen. „Und die Kunden scheinen nicht darauf zu vertrauen, dass sie diesen Winter ganz von Schnee und Eis verschont bleiben“, sagt Bornfeld. Markus Meißner vom Pitstop-Konkurrenten A. T. U. beschreibt das favorisierte Wetter des Gewerbes: „Grundsätzlich ist für uns ein harter, kalter und schneereicher Winter wünschenswert.“

Das sieht die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands, Ingrid Hartges, anders. „Das warme Wetter hat gerade für Berlin positive Effekte für das Gastgewerbe. Wenn zusätzlich die Sonne scheint, lädt das milde Wetter zu einem Winterspaziergang mit anschließender Stärkung ein“, hofft sie.

Und obwohl der Frost hierzulande bisher ausblieb: Um den Weltmarktführer für Streusalz, K+S aus Kassel, muss man sich aktuell offenbar keine Sorgen machen. Die meisten kommunalen Straßendienste hätten ihre Lager bereits im Sommer aufgefüllt – zu Preisen zwischen etwa 60 bis 80 Euro die Tonne, heißt es. Dieser sogenannte Frühbezug lief im Sommer 2013 besonders gut, da die Kundenlager wegen des langen Winters leer waren. „Abhängig von Länge und Intensität des Winters kann der Auftausalzabsatz durchaus um bis zu 50 Prozent schwanken“, sagt K+S-Sprecher Ulrich Göbel.

Doch selbst wenn das halbangekündigte Halbwinterwetter schnell wieder vorbeigeht, hat K+S kein Problem. Der Salz- und Düngemittelspezialist profitiert von der derzeitigen Extremkältewelle in den USA mit Frost bis hinunter in die südlicheren Staaten Kentucky und Tennessee. Bei der US-Tochtergesellschaft Morton Salt „brummt’s richtig“, sagt Ulrich. So machte die Aktie des Dax-Konzerns vergangene Woche einen guten Satz nach oben. mit kph

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