Wirtschaft : Handel erwartet neue Preiskämpfe

Kunden bleiben geizig, Unternehmen unter Druck

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Mülheim an der Ruhr/Berlin - Nur noch zweieinhalb Monate, dann steigt die Mehrwertsteuer um drei Prozent. Doch während Drogeriemarktketten die Preise für einen Teil ihrer Produkte bereits im Vorfeld angehoben haben, erwartet Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, dass Supermärkte und Discounter mit weiteren Preissenkungen um ihre sparsamen Kunden kämpfen werden. „Es scheint, die nächste Runde beginnt bereits“, sagte der Mitinhaber des Mülheimer Familienunternehmens, dessen Discounter Plus hinter Aldi und Lidl Platz drei im Billigsegment hält, am Mittwoch. Einige Unternehmen stünden wegen der gebremsten Konsumfreude der Verbraucher enorm unter Druck. „Wenn denen nichts mehr einfällt, machen die Prozent-Aktionen“, sagte Haub.

Marktforscher und Einzelhandelsverbände waren zuletzt zu einem anderen Ergebnis gekommen. Sie hatten die Lebensmittelhändler ausdrücklich zu den Gewinnern der Konjunktur gezählt, die im Moment einen Aufschwung erlebt.

Einen nochmals verschärften Preiskampf hält auch Einzelhandelsexperte Rolf Spannagel vom Berliner Institut für Markt- und Wirtschaftsforschung für möglich – trotz der Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent. „Man denkt, die Discounter stoßen an ihre Grenzen, aber irgendwo kratzen die noch was raus“, sagte er dem Tagesspiegel.

Die Steuererhöhung auf die Preise draufzuschlagen, nannte Haub aus Sicht der Einzelhändler „Selbstmord“. Sein Unternehmen will die Mehrbelastung abfangen, indem es neue Produkte ins Regal stellt, bei denen der Kunde keine Vergleichsmöglichkeit hat – laut Handelsexperte Spannagel eine derzeit verbreitete Methode.

Auch im europäischen Vergleich zeigt sich, dass die Deutschen die zufriedensten, aber auch die sparsamsten Verbraucher sind. In einer Studie im Auftrag des Metro-Konzerns gaben zwar zwei Drittel der Befragten in Deutschland an, mit ihrem Leben in Einklang zu stehen – so viele wie sonst nirgends in Europa –, gleichzeitig gaben 55 Prozent zu, auch bei kleinen Dingen die Preise zu vergleichen. Bei den Briten, der konsumfreudigsten Nation Europas, waren es nur 39 Prozent. Als einen der Hauptgründe für die deutsche Zurückhaltung vermuten die Autoren der Studie, die am Mittwoch vorgestellt wurde, die Sorge um die Zukunft, die hierzulande ausgeprägter sei als bei den Nachbarn.

Tengelmann-Chef Haub gehört zu den Leidtragenden. Nach einem Zwischenhoch im Sommer verlaufe das Geschäft der eigenen Gruppe „mau“, sagte er gestern. Er sei froh, wenn sein Unternehmen, zu dem auch die Kaiser’s-Supermärkte, Obi-Baumärkte und die Textil-Kette Kik gehören, 2006/2007 das operative Ergebnis von 460 Millionen Euro aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr wiederholen könnte. nso/pet

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