Wirtschaft : Handel setzt auf Jahresendspurt

Überraschend schwache Umsätze im August – Ökonomen befürchten negative Folgen für die Konjunktur

Maren Peters

Berlin - Der Einzelhandel kommt nicht in Schwung. Im August setzte die Branche 1,2 Prozent weniger um als noch vor einem Jahr, preisbereinigt verkauften die Geschäfte sogar 2,2 Prozent weniger, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Besonders mies lief es im Versandhandel: minus sechs Prozent. Auch Schmuck und Bücher gingen nur mühsam über den Ladentisch. Wegen des regnerischen Wetters sei zudem bei vielen Baumärkten das Geschäft ins Wasser gefallen, klagte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Für September erwarten die Händler aber wieder bessere Zahlen.

Während die Branche die Hoffnung auf steigende Verkäufe und ein gutes Weihnachtsgeschäft noch nicht aufgegeben hat, wächst bei Ökonomen langsam die Sorge, dass die erhoffte Belebung der Binnenkonjunktur schwächer ausfallen könnte als erwartet – trotz besserer Arbeitsmarktzahlen. Schon der am Vortag veröffentlichte Index der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hatte gezeigt, dass sich das Konsumklima für Oktober eingetrübt hat. Steigende Preise bei Lebensmitteln und Öl dämpfen die Kaufneigung der Verbraucher. Hohe Preise für Kraftstoffe und Lebensmittel hatten auch die Teuerung im September auf 2,5 Prozent ansteigen lassen – so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Der Handelsverband HDE sieht den Hauptgrund für die Kaufzurückhaltung der Verbraucher dagegen in der Erhöhung der Mehrwertsteuer. Seit Anfang des Jahres werden 19 statt 16 Prozent fällig. In den ersten acht Monaten setzten die Einzelhändler nominal 0,9 und preisbereinigt 1,6 Prozent weniger um als im Vorjahr. Auch im Juli war der Umsatz bereits um (preisbereinigt) 1,4 Prozent zurückgegangen. Diese vorläufigen Zahlen hatte das Statistikamt aus den Daten von sieben Bundesländern hochgerechnet, in denen gut drei Viertel des Gesamtumsatzes im Einzelhandel getätigt werden.

Noch bleibt der Handel optimistisch. „Es gibt einige Anzeichen dafür, dass die September-Zahlen deutlich besser werden“, sagte HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. „Der Endspurt kann gut werden.“

Volkswirte sind skeptischer. Nach den enttäuschenden Zahlen vom August deute sich auch im September keine Besserung an, der Einzelhandel laufe nach wie vor nur schleppend, sagte Gernot Nerb vom Münchener Ifo-Institut dem Tagesspiegel. Auch die Sparquote – die angibt, wie viel ihres verfügbaren Einkommens Verbraucher auf die hohe Kante legen – sei zuletzt wieder gestiegen. Der Ökonom sieht darin ein Indiz, dass die Finanzkrise in den USA auch deutsche Verbraucher verunsichert.

Aber auch die Volkswirte wollen das Konsumjahr 2007 noch nicht abschreiben. „Entscheidend wird sein, was am Arbeitsmarkt passiert“, sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Die Zahl der Arbeitslosen war im September auf den niedrigsten Stand seit 1995 gefallen und dürfte schon im Oktober die 3,5 Millionen-Marke unterschreiten, erwarten Experten. „Wir haben noch Hoffnung, dass mit der Besserung am Arbeitsmarkt auch der Konsum auf Touren kommt“, bestätigte Ifo-Volkswirt Nerb. Je weniger Arbeitslose, so die Kalkulation der Ökonomen, desto mehr potenzielle Käufer gibt es.

Ob die erhoffte kräftigere Binnennachfrage ausreicht, um die von vielen Experten erwartete Abschwächung der Konjunktur aufzufangen, erwarten Commerzbank-Analysten nicht mehr. Die Augustzahlen des Einzelhandels deuteten an, „dass der private Verbrauch auch 2008 nicht die von vielen erwartete große Stütze für die Konjunktur in Deutschland“ sein werde, hieß es am Freitag.

Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird die Industrieproduktion, die das Wachstum bisher getragen hatte, 2008 nur noch um drei Prozent zulegen, nach 5,1 Prozent in diesem Jahr. Damit läge Deutschland aber immer noch über dem europäischen Durchschnitt, tröstet DIW-Expertin Dorothea Lucke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben