Wirtschaft : "Handeln Sie an der Börse nie spontan"

Weil an den Börsen Menschen handeln, spielen Emotionen auf dem Parkett die Hauptrolle.Deshalb untersucht auch der Psychologie-Professor Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität in München wie sich Investoren verhalten.Frey erhält für seine Forschung, in der er die Theorie praktisch anwendet, Ende des Monats den Deutschen Psychologie-Preis.Mit ihm sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

TAGESSPIEGEL: Wegen der Rußland-Krise reden jetzt plötzlich alle von der Baisse, immer mehr sehen den Dax bei 4000 Punkten.Als er vor ein paar Wochen die 6000-Punkte-Hürde nahm, sprachen viele schon vom Ziel 7000.Wieso ist die Stimmung so schnell gekippt?

FREY: Weil die Menschen das Geschehen in Rußland als gravierendes Ereignis interpretiert haben.Erst hieß es, es könne nur aufwärts gehen.Die Nachrichten aus Rußland nährten die Zweifel, immer mehr meinten, jetzt fielen die Kurse.

TAGESSPIEGEL: Jetzt bewegen sich die Kurse im Zick-Zack-Kurs.Warum?

FREY: Wir erleben den Konflikt zweier Richtungen.Die eine verheißt die Hausse, die andere die Baisse.Nur eine einzige kann sich auf Dauer durchsetzen.

TAGESSPIEGEL: Wie lange wird das dauern?

FREY: Ich wäre ein Scharlatan, das vorherzusagen.Mir scheint, die Tendenz ergibt sich oft zufällig und ohne klare Gesetzmäßigkeit - darum ziehen es die meisten Beobachter vor, den Kursverlauf erst im Nachhinein zu interpretieren.Die besonders Klugen haben es hinterher immer schon gewußt.

TAGESSPIEGEL: Worin besteht der Zufall?

FREY: Manchmal berücksichtigen die Börsianer wichtige Nachrichten gar nicht, manchmal bewegt etwas ziemlich Unwichtiges die Kurse.Eine wichtige Rolle spielen die Massenmedien, die selbst dem vermeintlichen Trend hinterherlaufen.Als die vormals positive Stimmung umkippte, war plötzlich nur noch Negatives zu lesen und zu hören.

TAGESSPIEGEL: Kündigt sich so ein Crash an?

FREY: Ja, wenn es nur noch schlechte Nachrichten gibt und die guten nicht berichtet werden, setzt sich die Baisse-Richtung durch.Wenn jetzt zusätzliche Unsicherheit aufkäme, beispielsweise durch den Rücktritt von Präsident Boris Jelzin, würde ein krasser Kurssturz wahrscheinlicher.

TAGESSPIEGEL: Aber alle wissen doch, daß es das Dümmste ist zu verkaufen, wenn alle anderen auch verkaufen.

FREY: Gut, aber sobald man das Gefühl hat, jeder gehe aus Aktien raus und man selbst werde als Einziger verlieren, verhält man sich doch wie die anderen - auch wenn man sich das ganz anders vorgenommen hat.

TAGESSPIEGEL: Wieso lernt man nichts aus diesem Fehler?

FREY: Weil alle in der Umgebung zum spontanen Handeln raten.Genau das ist aber falsch.Mein Rat: Lösen Sie sich von Tagesereignissen.Setzen Sie sich Ihr persönliches Kursziel: Kaufen oder verkaufen Sie, wenn es erreicht ist.Handeln Sie nie spontan.

TAGESSPIEGEL: Sollte man den Börsenteil der Zeitung lesen?

FREY: So schwer es fällt: Man sollte jedenfalls nicht nach der Lektüre seine Ziele vergessen.Kollegen haben erforscht, daß Anleger, die jeden Tag das Wall Street Journal lesen, weniger Erfolg haben als die, die es selten lesen.

TAGESSPIEGEL: Wer dieses Interview gelesen hat, sollte also daraufhin nichts am Depot verändern?

FREY: Genau.Am besten ist in der recht verzwickten Lage, gar nichts zu unternehmen.Aktien sollte man nämlich als langfristige Anlageform betrachten.

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