Handelspartnerschaft : Türkei sieht sich als Teil Europas

Der Reformwille ist derzeit ein wenig erlahmt. Die türkischen Unternehmer werben dennoch für die Aufnahme in die EU.

Daniel Rhée-Piening

BerlinDie Türkei drängt in die EU – und klagt über immer neue Hürden, die Europa dabei aufstelle. Zeit, einmal auf die Fortschritte aufmerksam zu machen und für das Land zu werben, meint jedenfalls der türkische Wirtschaftsverband Tüsiad. Die Vize-Präsidentin des Verbandes, Ümit Boyner, will mehr Chancen für türkische Firmen durch eine Aufnahme des Landes in die EU, äußerte sich aber auch durchaus kritisch. So mahnte sie dringend die Reform des berüchtigten Paragraphen 301 an, der die „Beleidigung des Türkentums“ unter Strafe stellt. Die derzeit regierende AKP mit ihrem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan habe ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Der Reformwille sei erlahmt. Die Unternehmerin lehnte aber den beim Verfassungsgericht der Türkei zur Entscheidung vorliegenden Antrag auf ein AKP-Verbot klar ab. „Verbote politischer Parteien sind nie eine Lösung.“ Die schon vom Staatsgründer der heutigen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk in den 30er Jahren begonnenen Reformen sollten in Zukunft nicht mehr durch die Armee verteidigt werden, Garant solle vielmehr die EU sein, hofft Boyner. Unterstützung erhält die Initiative vom Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, der auf den benötigten Fachkräftenachwuchs in Europa und Deutschland verwies. Die Türkei habe bei etwa der gleichen Bevölkerungsgröße wie Deutschland zweieinhalb mal so viele Kinder. Dies sei ein „Schatz“. Der im Exil in der Türkei aufgewachsene frühere Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter beklagte die tief sitzenden Vorurteile gegen die Türkei und erinnerte an die errungenen Erfolge des Landes bei der Demokratisierung. Das Rechtssystem sei nach europäischem Vorbild geschaffen worden. Dass die Kultur der Türkei nichts mit Europa zu tun habe, sei „blanker Unsinn“.

Auf wirtschaftlichem Gebiet ist die Annäherung auf bestem Wege. Allein die deutschen Direktinvestitionen in dem Land erreichten im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Dollar (637 Millionen Euro). Die Zahl der deutschen Unternehmen beziehungsweise türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung erreichte 3125. Umgekehrt gibt es in Deutschland rund 70 000 türkische Selbstständige. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. dr

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