Wirtschaft : Handlanger der Nationalsozialisten

Die Interessengemeinschaft Farben war einst der größte Chemiekonzern der Welt – bis die Alliierten sie auflösten

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Die Geschichte des einst größten deutschen Konzerns endet mit einer Pleite. 1925 war die Interessengemeinschaft Farbenindustrie (IG Farben) gegründet worden: Durch die Fusion von BASF, Bayer, Hoechst, Agfa und weiteren Firmen entsteht der damals größte Chemiekonzern der Welt mit damals mehr als 83 000 Mitarbeitern. 20 Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkrieges, waren es in weltweit 334 Fabriken rund 333 000 Menschen, davon fast die Hälfte Fremd und Zwangsarbeiter. Die unrühmliche und skandalöse Rolle des Konzerns im Dritten Reich war Anfang der dreißiger Jahre nicht absehbar. Enge Verbindungen zu den Nationalsozialisten bestanden zunächst nicht, nur ein Vorstandsmitglied war 1932 Mitglied der NSDAP, und dies nur für einige Monate.

Doch Hitler band den Konzern immer stärker in seine Maschinerie ein, sicherte durch den „Benzinvertrag“ 1933 das bis dahin verlustreiche Geschäft der IG Farben mit der Herstellung von synthetischem Treibstoff ab. Spätestens ab diesem Zeitpunkt unterstützte der Konzern die Expansions- und Kriegspolitik der Nazis. Er wird, wie es später heißt, zum „Staat im Staate“.

Die IG Farben wurde so massiv in die Verbrechen der Nazis verwickelt wie kein anderes Großunternehmen. 1941 entsteht das IG-Farben-Werk in Auschwitz zur Herstellung von synthetischem Öl und Kautschuk. Eingesetzt wurden Tausende Häftlinge aus dem nahen Konzentrationslager. Mit diesem Werk wollte der Konzern, wie es damals hieß, einen Beitrag leisten „für ein kräftiges, gesundes Deutschtum im Osten“. Später baute die IG Farben zusätzlich in Monowitz ein eigenes Konzentrationslager. In den Werken der IG Farben kamen Zehntausende von Zwangsarbeitern um. Zudem war der Konzern über das Tochterunternehmen Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) an der Herstellung von Zyklon B beteiligt, dem Gas, mit dem Millionen von Juden umgebracht wurden.

Trotz dieser offensichtlichen Verstrickungen kam ein US-Militärgericht 1948 zu dem Schluss, dass IG Farben weder die Zwangarbeiter vorsätzlich menschenunwürdig behandelt noch den Verwendungszweck von Zyklon B gekannt habe. Mehrere Manager wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Konzern selbst wird nach dem Krieg zerschlagen, das Vermögen beschlagnahmt. Die IG Farben wird auf Anordnung der Alliierten 1952 in die Liquidation geschickt. Bayer, BASF und Hoechst existieren als eigenständige Konzerne weiter. In Börsenberichten ist deshalb auch immer wieder von den „Farben-Nachfolgern“ die Rede.

Für die Abwicklung des Restvermögens und zur Erfüllung möglicher Altansprüche gegen das Unternehmen wird zugleich die „IG Farben in Liquidation“ (auch „in Abwicklung“ genannt) gegründet. Deren Aktien werden heute noch an der Börse gehandelt.

Kurz vor der Wende Ende der achtziger Jahr stand die IG Farben dann vor der Löschung. Doch Spekulationen über Restitutionsansprüche in Ostdeutschland verlängerten ihr Leben. Ehemalige Zwangsarbeiter bedachte das Unternehmen nach eigenen Angaben Mitte der fünfziger Jahre mit insgesamt 30 Millionen DM. An der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, die vor einigen Jahren noch einmal zehn Milliarden DM zur Verfügung stellte, beteiligt sich die IG Farben nicht. Als Begründung hieß es unter anderem, dass die IG Farben nicht mehr aktiv als Unternehmen am Markt tätig sei. Lediglich die vor drei Jahren eingerichtete Stiftung hält die Hoffnung auf weitere Entschädigungen zumindest für Härtefälle noch aufrecht. ro

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