Handwerk : Eigenbau statt Markenwahn

Häkeln, Backen, Basteln: Selbermacher wehren sich gegen Massenprodukte – und verdienen damit Geld.

Katja Reimann

Berlin - Ihr Arbeitsplatz ist überschaubar. Auf dem Schreibtisch von Silke Stroh liegt ein Kästchen, gefüllt mit Sticktwist in verschiedenen bunten Farben. Hinter ihrem Rücken, im Regal an der Wand, stehen dicht gequetscht Dutzende von Handarbeitsbüchern. Ansonsten braucht die 35-Jährige vor allem: Häkelnadeln. Unter dem Künstlernamen „Tante Uschi“ produziert sie damit Schmuck, vom lila-glitzernden runden Handybommel bis zum Ohrring oder, besonders nachgefragt in ihrem Sortiment, kleine Häkel-Kirschbroschen.

6,50 Euro kosten Bommel und Ohrschmuck, 12,50 Euro die Kirschen. Rund 200 Euro verdient Silke Stroh mit dem Verkauf pro Monat, und leben könnte sie davon natürlich nicht. Eigentlich arbeitet sie fest angestellt als Buchhändlerin. Trotzdem hat sie Anfang des Jahres ein Gewerbe angemeldet – man weiß ja nie. Mit ihrem ungewöhnlichen Schmuck liegt die Berlinerin jedenfalls im Trend, denn Selbstgemachtes und Eigenwilliges verkauft sich gut. Vor allem in der Großstadt Berlin, in der jeder auf der Suche nach etwas besonders Individuellem ist. „EigenArt“ nennt die Berliner Trendforscherin Lola Güldenberg diese neue Bewegung, für die „Tante Uschi“ symbolisch sei.

Was die „EigenArt“ gerade so populär macht, weiß Holm Friebe. Der Volkswirt und Journalist hat gerade ein Buch geschrieben, es heißt „Marke Eigenbau“, erscheint im Herbst und beschäftigt sich mit dem neuen Bastel- und Kunsthandwerk-Phänomen. „Selbermachen kann etwas sehr Subversives haben“, sagt Friebe. Lange Zeit hätten Bastler, Tüftler und Selbermacher einen schlechten Ruf gehabt, doch nun bekomme all dies einen neuen Sinn. „Das hat etwas mit Entschleunigung zu tun“, sagt Friebe. Und mit dem Wunsch nach Originalität: „Selbermacher wehren sich gegen Markenwahnsinn und Fashionwahn.“ Friebe glaubt, dass die Grenzen zwischen Produktion und Konsumption fließend werden, und dass sich Produzenten und Konsumenten zu „Prosumenten“ wandeln.

Längst finden sich Selbermacher aus der ganzen Welt auch im Internet. Bekannt ist vor allem die Webseite Etsy. Etsy ist eine Art Online-Kunsthandwerk- Markt: „your place to buy & sell all things handmade“. Hier gibt es von kleinen metallenen Anhängern für Hundehalsbänder, auf denen „Dogs for Obama“ steht, bis zu gestrickten Handwärmern, bestickten Kissen und gehäkelten Laptop-Hüllen alles. Zehntausende Kreative sind Mitglied in der Etsy-Community, die meisten sind Frauen. Was als Produktion für den eigenen, privaten Gebrauch begann, hat bei Etsy längst eine neue Dimension angenommen.

Auch Silke Stroh fing klein und privat an, häkelte zum Zeitvertreib und vor dem Fernseher. Ihren Häkelschmuck bietet sie in ausgewählten Läden in Schöneberg, Charlottenburg und Mitte an. Pro Woche werden dort immerhin etwa fünf Kirsch-Broschen verkauft. Hat Silke Stroh eine neue Idee, dann geht sie damit bei ihren „Händlern“ hausieren.

Für ihre Produkte werben muss Elke Schindler kaum. Das macht schon der Duft, der täglich über den Parkplatz eines alten Gewerbehofs in Schöneberg zieht. Dass es hier ständig nach frisch Gebackenem riecht, dafür ist „Kuchen Elke“ zuständig. Die 46-Jährige backt seit einem Jahr Lieblingskuchen auf Bestellung und beliefert damit Firmen wie die Telekom oder stellt das Catering bei Veranstaltungen. Und: Inzwischen verköstigt sie die Mitarbeiter aus den umliegenden Büros. An jedem Dienstag verkauft Schindler Kuchen oder Quiches aus dem Küchenfenster ihrer kleinen Backstube.

Mindestens 16 Kuchen backt die studierte Kunstpädagogin in der Woche, meistens sind es mehr. Für ein Stück verlangt sie 1,80 Euro, ein ganzer Kuchen kostet etwa 24 Euro. Zieht man ihre Einkaufskosten, Rechnungen für Strom und Miete ab, dann bleiben ihr rund 50 Prozent von ihren Einnahmen. Noch werkelt Elke Schindler in ihrer kleinen Backstube ganz alleine, doch wenn möglich möchte sie bald Mitarbeiter einstellen.

Soweit sind Bettina Heikaus und Leonie Heilmann schon gekommen. In ihrem kleinen Restaurant „Leo Bettini“ in Mitte verkaufen sie selbst gemachte Knödel und Pasta – mit der Hilfe von einer Teilzeitkraft und zwei Minijobbern. Das Restaurant haben die zwei Freundinnen im Winter 2005 eröffnet, mit rund 40 000 Euro Startkapital und einem zusätzlichen Privatkredit. Keine der beiden ist ausgebildete Köchin, doch schon längst hat sich ihr Restaurant in der Nachbarschaft etabliert. Längst ist es auch ein Tipp für Touristen. Sogar zwei japanische Magazine haben schon Reportagen über „Leo Bettini“ veröffentlicht.

Zum Glück der beiden Unternehmerinnen, die pro Woche rund 50 Kilo Knödel rollen, trug sich ihr Geschäft von Beginn an. Schon nach einem halben Jahr zählten sie die ersten Gewinne. Und auch wenn sie das meiste Geld im Restaurant erwirtschaften: Ihre selbst gemachten Speisen sind auch zum Mitnehmen sehr beliebt.

Häkeln, Backen und Kochen – viele Techniken der Selbermacher entsprechen eher dem, was so mancher unter traditioneller Frauenarbeit versteht. Doch dies ist nur ein Argument für den hohen Frauenanteil bei den neuen kreativen Unternehmern. „Die kleinteilige Wirtschaft ist für Frauen attraktiver, weil sie Möglichkeiten bietet, Familie und Karriere in Einklang zu bringen“, erklärt Friebe. Für Männer hingegen sei es schlicht befriedigender, einen „männerbündlerischen Anwesenheitskult zu pflegen“ und sich in Unternehmen an die Spitze der Hierarchie zu kämpfen.

Was nicht heiße, dass nicht auch unter den modernen Selbermachern jede Menge Männer steckten, sagt Friebe. Nur erfänden die doch weit öfter technisch innovative Geräte als handwerklich wertvollen Schmuck.

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