Wirtschaft : Handwerk klagt über Mini-Konkurrenz

Ich-AGs sorgen in Berlin für einen Gründerboom – aber Umsatz und Beschäftigung sinken

Anselm Waldermann

Berlin - Trotz des Gründungsbooms im Berliner Handwerk mag in der Branche keine rechte Freude aufkommen. So nahm zwar 2004 nach Jahren des Niedergangs die Zahl der Betriebe um elf Prozent auf knapp 30700 zu. Dennoch könne man nicht von einer echten Erholung sprechen, sagte Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin. So entfiel ein Großteil des Zuwachses auf die Gründung von Ich-AGs und auf ausländische Einzelunternehmer – und davon haben die Arbeitnehmer der Branche nichts. Entsprechend ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erneut um zwei Prozent auf 190000 Personen zurückgegangen. In einzelnen Branchen beträgt die Arbeitslosenquote mittlerweile bis zu 72 Prozent.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 6500 neue Handwerksbetriebe gegründet. Davon entfielen 1075 auf Ich-AGs. Auch die Zahl der ausländischen Einzelunternehmer spielte seit der EU-Erweiterung am 1. Mai 2004 eine beträchtliche Rolle: 579 der Betriebsgründer stammten aus Polen. Und dieser Trend nimmt deutlich zu – allein im ersten Quartal dieses Jahres kamen weitere 518 polnische Einzelunternehmer hinzu. „Vor allem im Fliesenlegerhandwerk kommen oft ganze Kolonnen“, sagte Thomas Dohmen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Von allen neu gegründeten Betrieben entfielen 1001 auf Fliesenleger und 406 auf Gebäudereiniger – beides Berufe, die auch von Personen mit geringer Qualifikation ausgeführt werden können. „Mehr als 80 Prozent der Betriebsgründungen wurden von Personen ohne jegliche berufliche Qualifikation vorgenommen“, sagte Dohmen.

Bei den Ich-AGs gab es im ersten Quartal 2005 ebenfalls ein Plus von 258 Anmeldungen. Ein Großteil der Neugründungen entfiel auf zulassungsfreie Handwerksberufe, die seit der Novelle der Handwerksverordnung auch Personen ohne Meistertitel ausüben dürfen. Oft hätten diese Betriebe allerdings nur eine sehr kurze Lebensdauer, erklärte Dohmen: 30 Prozent der 2004 vom Markt verschwundenen Unternehmen seien jünger als ein Jahr gewesen. Wegen der staatlichen Förderung stellten die Ich-AGs in vielen Fällen eine „wettbewerbsverzerrende Konkurrenz für alle anderen Betriebe“ dar, klagte Dohmen.

So erklärt sich auch, dass der Gesamtumsatz der Branche trotz der zahlreichen neuen Betriebe nicht zunahm. Im Gegenteil: Insgesamt setzten die Berliner Handwerksbetriebe im vergangenen Jahr 4,6 Prozent weniger um als im Jahr zuvor. Vor allem die schwache Binnennachfrage und die Zurückhaltung des Senats bei der Vergabe öffentlicher Aufträge haben laut Handwerkskammer dazu beigetragen. „Die Investitionstätigkeit der öffentlichen Hand lässt immer noch sehr zu wünschen übrig“, sagte Schwarz. Aber auch bei privaten Kunden beobachte er eine „Konsumunlust“.

Daneben bereiten vor allem Ein-Euro- Jobber der Handwerkskammer große Sorgen. „Für jeden Ein-Euro-Jobber geht auf dem ersten Arbeitsmarkt ein regulärer Arbeitsplatz verloren“, sagte Schwarz. Das im Gesetz verankerte Gebot, dass Aufträge an Ein-Euro-Jobber nur zusätzlich vergeben und dass so keine anderen Beschäftigten verdrängt werden dürfen, werde von zahlreichen Bezirken nicht beachtet. „In Berlin gibt es zig Schulen, die von Ein-Euro-Jobbern renoviert werden“, sagte Dohmen. Vor allem in Neukölln und Reinickendorf würden „in ganz großem Stil“ Instandhaltungsaufgaben von Ein-Euro-Jobbern erledigt. Das Nachsehen hätten die qualifizierten Handwerker: Im Malerhandwerk betrage die Arbeitslosenquote mittlerweile 72 Prozent, im Bauhauptgewerbe sind es rund 50 Prozent. „Die Ein-Euro-Jobber lösen das Problem der Arbeitslosigkeit nicht, sie tarnen es lediglich“, sagte Schwarz.

Dennoch bleibt er für die Zukunft optimistisch: „Alles in allem ist es positiv zu werten, dass der Mut zur Selbstständigkeit zunimmt“, sagte er. Für 2005 gehe er von einem anhaltend hohen Gründungsgeschehen aus. „Langfristig könnten dann auch Ich-AGs Leute einstellen und so neue Arbeitsplätze schaffen“, vermutet Schwarz. Für dieses Jahr erwartet er aber zunächst eine Seitwärtsbewegung. „Die Talfahrt ist gestoppt, nun werden Umsatz und Beschäftigung auf diesem Niveau stagnieren“, sagte er voraus.

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