Wirtschaft : Handwerk mit schlechtem Start

Berliner Kammerpräsident Blaese kritisiert Politik / "Bollwerk bekommt Risse"
BERLIN (-olm).Für das Berliner Handwerk hat das erste Quartal 1997 so schlecht begonnen, wie das vierte Quartal des zurückliegenden Geschäftsjahres endete.In allen wichtigen Bereichen setzte sich der Abwärtstrend fort.Die Betriebsauslastungen liegen in den ersten drei Monaten im Durchschnitt nur bei 67 Prozent, der Auftragsbestand hat mit einem Vorlauf von knapp fünf Wochen einen Tiefpunkt erreicht, die Zahl der Beschäftigten ist weiter rückläufig und die Auftragseingänge sind gesunken.Das Handwerk, sagte Kammerpräsident Hans-Dieter Blaese am Freitag während der Erläuterung der 96er Zahlen, erfülle zwar immer noch seine Funktion als Stabilitätsfaktor im sich vollziehenden Strukturwandel der Wirtschaft, habe aber als Bollwerk gegen die negativen Trends deutliche Risse bekommen. Den Grund sieht Blaese im Wegbrechen der industriellen Kerne, der Verlagerung von Produktionsstätten und dem rüden Vorgehen von Generalunternehmern.Zwei Drittel der Berliner Handwerksbetriebe seien direkt oder indirekt vom Bau abhängig.Bisher habe das Berliner Handwerk von den Ausschreibungen des Bundes als größtem Auftraggeber nicht profitiert.Blaese hofft, daß sich die Situation durch die jetzt verfügte Vergabe von Fachlosen ändert. Vom Senat fordert der Kammerpräsident mehr Risikobereitschaft.Die leeren Landeskassen hätten zu einer Sprachlosigkeit geführt, mit der man keine Arbeitsplätze schaffe.Die Stadt sollte sich möglichst schnell von ihrem Tafelsilber trennen und das Geld zur Verbesserung der Infrastruktur ausgeben.Hier warte das Handwerk immer noch auf deutliche Zeichen. Gleiches gelte auch, wo es um den Kampf um die Schwarzarbeit gehe.Von den insgesamt 100 000 Baustellen wurden 1996 lediglich 4288 kontrolliert.Das sei ein Tropfen auf den heißen Stein.Blaese empfahl, die Zahl der Kontrolleure von zur Zeit 150 zunächst zu verdoppeln.Das wäre ein Anfang und Ausdruck dafür, daß nicht nur geredet sondern auch gehandelt werde."Berlin ist und bleibt ein Eldorado der Schwarzarbeit zum Schaden des Handwerks und zu Lasten der Arbeitslosen", sagte Blaese.Wegen Arbeitsüberlastung in anderen Bereichen habe das zuständige Referat des Landeskriminalamtes die Bearbeitung von Fällen der unerlaubten Handwerksausübung gegen Null reduziert.Seit Dezember 1996 seien deshalb keine Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschlüsse mehr vollzogen worden. Trotz der negativen Trends beurteilte Blaese den Gesamtabschluß des letzten Jahres noch als zufriedenstellend.Die Zahl der registrierten Betriebe nahm in Berlin um 557 zu und erhöhte sich damit 1996 auf 26 841.Der Umsatz verbesserte sich um 3,1 Prozent auf knapp 30 Mrd.DM.Die Firmenpleiten gibt die Kammer bei einer Zunahme von 28 Prozent mit 356 an.Davon kamen die meisten Unternehmen aus der Baubranche.Auch der Beschäftigtensaldo war bei einem Abbau von rund 900 Arbeitsplätzen negativ.Die bezahlten Jobs gingen 1996 erstmals zurück ­ auf 250 861.Damit beschäftige das Berliner Handwerk, so Blaese, immer noch 10 000 Menschen mehr als vor fünf Jahren. Überrascht zeigte sich Blaese von der großen Zahl der Lehrstellen.Sie stieg 1996 um 1409 auf insgesmat 22 634.Damit öffne das Handwerk neue Wege ins Berufsleben weit über den eigenen Bedarf hinaus.Auch die 748 bestandenen Meisterprüfungen seien ein Ausdruck der Stärke des Handwerks.

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