Handwerk und demografischer Wandel : Wozu der Lehrlingsmangel gut ist

Lehrlinge sind rar - deshalb wird es in ein paar Jahren kaum noch handwerklich ausgebildete Metzger oder Bäcker geben. Doch die Sache ist nicht so schlimm. Am Ende wird gute Wurst vor allem teurer werden. Ein Kommentar.

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Einer von wenigen. Viele Bäcker haben Nachwuchsprobleme. Von denen, die es versuchen, halten zudem viele nicht durch.
Einer von wenigen. Viele Bäcker haben Nachwuchsprobleme. Von denen, die es versuchen, halten zudem viele nicht durch.Foto: picture alliance / dpa

Das Ausbildungsjahr ist gerade mal vier Wochen alt. Doch schon lassen sich die Verwüstungen ablesen, die der demografische Wandel in einzelnen Berufsbildern hinterlässt. In wenigen Jahren schon wird es in Deutschland kaum noch handwerklich ausgebildete Metzger und Bäcker geben, Handwerker werden keine Nachfolger für ihre Betriebe finden. Klar, dass jetzt das große Lamento vom Verfall der handwerklichen Tradition beginnt. Bei Licht betrachtet ist die Sache nicht so schlimm. Am Ende wird es weniger schlechte Metzgereien geben. Und gute Wurst wird teurer.

Viele Akademiker arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation

Die Metzger-Ausbildung ist schlecht bezahlt, die Arbeitszeiten sind ungemütlich, und auf dem Heiratsmarkt hat man mit diesem Berufsziel nicht die besten Chancen. Die Jugendlichen lernen lieber Berufe, in denen man erst nach acht Uhr morgens erscheinen muss und von vornherein besser bezahlt wird. Weil es wenige Lehrlinge gibt, aber viele Ausbildungsstellen, verschiebt sich der Markt. Dazu kommt: Immer mehr Kinder werden zum Abitur geführt. Einerseits ist das gut – jeder sollte seinen Fähigkeiten entsprechend lernen und studieren. Andererseits aber mehren sich die Hinweise, dass heute die Kinder nicht klüger sind als früher – die Abschlüsse werden nur leichter. Selbst hochentwickelte Volkswirtschaften aber beschäftigen nicht mehr als rund ein Drittel ihrer Erwerbstätigen in Berufen, die tatsächlich eine akademische Ausbildung erfordern. Die anderen arbeiten dauerhaft unterhalb ihrer Qualifikation, sie sind oft nicht besonders zufrieden mit ihrem Leben.

Zurück zur Wurst. Es ist nicht schlimm, wenn man für schlechte Wurst nicht mehr zum Metzger gehen muss. Die liefert auch der Supermarkt um die Ecke. Kein falsches Mitleid für die Hersteller pappigen Fleischsalats, zäher Grillsortimente, oder lausiger Dauerwürste. Sie haben keine Auszubildenden verdient. Es ist nur gerecht, wenn sie keine Betriebsnachfolger finden. Aber auch auf gute Wurst werden wir sehr lange warten müssen, wenn die Metzger erst mal fächendeckend verschwunden sind. Solange, bis es bei den Abiturienten schick wird, eine Fleischerausbildung zu machen. So, wie sie heute Schreiner oder Bootsbauer werden, wenn Neigung, Interesse oder Intellekt zum Studium nicht reichen. Dann wird gute Wurst teuer sein.

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