Wirtschaft : Handwerker verlieren ihren Optimismus

Das Geschäftsklima kühlt stark ab – in Ostdeutschland sinkt der Wert auf den niedrigsten Stand seit 1990

Anselm Waldermann

Berlin - Nach zwei Jahren der Entspannung hat sich die Krise des deutschen Handwerks wieder verschärft. Nachdem sich die Situation der Betriebe seit dem Jahr 2003 stabilisiert hatte, kühlte sich das Geschäftsklima im ersten Quartal 2005 deutlich ab. Bei der Mehrheit der Betriebe waren sowohl die Umsätze als auch die Zahl der Aufträge rückläufig. In Ostdeutschland sank das Geschäftsklima sogar auf den niedrigsten Wert, der je seit der Wiedervereinigung gemessen wurde. Dies geht aus dem Konjunkturbericht des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) hervor, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Insgesamt hatte der ZDH 22500 Betriebe in Ost und West befragt. Demnach beurteilen nur noch elf Prozent der westdeutschen Handwerksunternehmen ihre Geschäftslage als gut – vor einem halben Jahr waren es noch 16 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil derer, die ihre Situation als schlecht einstufen, von 36 auf 48 Prozent. Noch düsterer sieht das Bild in Ostdeutschland aus: Hier betrachten nur noch neun Prozent ihre Lage als gut – bei der letzten Umfrage galt dies für 18 Prozent. Der Anteil der Unzufriedenen kletterte hingegen von 35 Prozent auf 51 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Umsätzen und beim Auftragseingang. „Die Handwerker müssen inzwischen um jeden Auftrag ringen“, erklärte der Generalsekretär des ZDH, Hanns-Eberhard Schleyer.

Unter den einzelnen Berufsgruppen beurteilten die Zahntechniker und Augenoptiker ihre Situation am schlechtesten. „Die Gesundheitsreform hat zu erheblichen Umsatzeinbußen geführt“, erklärte Schleyer. Für die allgemeine Entwicklung machte er aber vor allem die anhaltend schwache Binnennachfrage verantwortlich. Auch die starke Konkurrenz durch Ich-AGs, ausländische Anbieter und Ein-Euro-Jobs bereite dem Handwerk Sorgen. Dabei geht der verschärfte Wettbewerb zunehmend zu Lasten der Arbeitnehmer: Denn obwohl die Zahl der Betriebe um vier Prozent auf 887000 gestiegen ist, wollen 27 Prozent der Unternehmen im Westen und 22 Prozent im Osten Personal abbauen. Vor einem halben Jahr waren es nur 17 Prozent (West) beziehungsweise elf Prozent (Ost). Für das Gesamtjahr 2005 rechnet der ZDH mit einem Verlust von 100000 sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Daneben kritisierte Schleyer die restriktive Kreditvergabe der Banken und eine mangelhafte Zahlungsmoral der Kunden, die zu hohen Forderungsausfällen führe. „Dadurch sinken die verfügbaren Mittel, um Investitionen zu tätigen“, sagte Schleyer. Rund 45 Prozent der befragten Unternehmen in Ost und West gaben an, weniger investieren zu wollen als bisher. „Die zu geringen Investitionen sind nicht nur ein innerbetriebliches Wachstumshemmnis“, klagte Schleyer, „sie sind gleichzeitig die Ursache für die fehlende Nachfrage bei anderen Betrieben.“ An die Politik richtete er den Appell, die Beschlüsse des Job-Gipfels, vor allem die geplante Senkung der Körperschaftsteuer, umzusetzen. Überlegungen, die Mehrwertsteuer anzuheben, erteilte Schleyer eine klare Absage: „Das wäre Gift für die Konjunktur.“

Ob in diesem Jahr alle willigen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz erhalten, stehe noch nicht fest. „Das wird wieder schwierig“, sagte Schleyer. „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen müssen, um in den Betrieben Ausbildungsplätze einzuwerben.“ Er gehe aber davon aus, dass der Ausbildungspakt bestehen bleibe. Dies gelte auch, wenn die Union die Regierung übernehmen sollte.

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