Handy-TV : Kleines Fernsehen

29 Unternehmen bewerben sich für das Handy-TV. Die Ausschreibung geht nun in die heiße Phase.

Corinna Visser
Handy-TV
Fußball hilft. Zur WM 2006 gab es in Berlin ein Pilotprojekt für mobiles TV.Foto: picture-alliance/obs

Berlin - Glaubt man den Anbietern, so wird das Warten auf den Flieger oder die U-Bahn-Fahrt zur Arbeit künftig weniger langweilig sein. Und Fußballfans werden nie wieder ein Tor verpassen. Denn mit Handy-TV soll man auch unterwegs immer auf dem Laufenden bleiben. Die Ausschreibung, wer in Deutschland künftig mobiles Fernsehen anbieten kann, geht in die heiße Phase. Bis zum Herbst wollen die 14 Landesmedienanstalten entscheiden, wer in Deutschland eine Lizenz für das Handy-TV bekommt. Branchenexperten sehen ein erhebliches Potenzial für das Fernsehen aus der Hosentasche – aber auch erhebliche Hürden.

Bis Freitag hatten die 29 Bewerber Zeit, ihre Unterlagen noch einmal nachzubessern. Zwei Bewerber gaben gestern zudem ihren Zusammenschluss bekannt: Neva Media aus Berlin und Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD) aus Köln. Und am Montag will das Bundeskartellamt entscheiden, ob die Mobilfunkfirmen T-Mobile, Vodafone und O2 sich zu einem Konsortium zusammenschließen dürfen, um gemeinsam Handy-TV anbieten zu können. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) kommt dann am 11. September zusammen.

Ursprünglich hatten Bewerber und Experten gehofft, dass bereits zur Internationalen Funkausstellung Ende August in Berlin eine Entscheidung fällt. Gesucht wird der Betreiber für eine Plattform, die das Programm für das mobile Fernsehen zusammenstellt. Das Handy-TV macht neue Angebote nötig, die auf den kleinen Bildschirm zugeschnitten sind. Es macht aber auch ganz neue interaktive Angebote möglich, da der Zuschauer über das Handy als Rückkanal direkt auf Ereignisse auf dem Bildschirm reagieren kann. So kann er mobil einkaufen oder per Tastendruck abstimmen. Der Nutzer zahlt für den Empfang eine monatliche Gebühr. Hinzu kommen kostenpflichtige Premiumangebote.

Es gibt drei Gruppen von Bewerbern: zum einen die Mobilfunkfirmen, zweitens Fernseh- und Hörfunkunternehmen (unter anderem bewerben sich Pro Sieben Sat1 und RTL) und drittens Neva Media und MFD. MFD betreibt bereits Handy-Fernsehen in Deutschland, allerdings auf Basis eines anderen Standards. Durch ihre Kooperation hoffen beide Firmen ihre Kompetenzen und die Vielfalt ihres Angebots ausbauen zu können. Hinter Neva Media stehen Hubert Burda Media und die Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der auch der Tagesspiegel gehört.

Der Auswahlprozess für den Plattformbetreiber ist wegen der föderalen Struktur langwierig und kompliziert. Die 29 Unternehmen mussten ihre Bewerbung bei allen 14 Anstalten einreichen. Die DLM kann nur eine Empfehlung an die Landesmedienanstalten geben, damit der Betreiber später bundesweit funken kann.

Die Zeit drängt: Denn die Anbieter wollen zur Fußball-Europameisterschaft im Juni 2008 loslegen. „Man braucht ein Event, um so ein Produkt zum Laufen zu bringen“, sagt Michael Schmid von der Strategieberatung Goldmedia. „Es geht zwar auch ohne Sport, aber mit ist es leichter.“ Goldmedia sieht für das Handy-Fernsehen ein beachtliches Umsatzpotenzial: Mobile TV könne in Deutschland im Jahr 2012 einen Umsatz von 655 Millionen Euro erzielen und damit zu einem wichtigen Eckpfeiler der Medienbranche werden. Doch Schmid sieht auch erhebliche Risiken. Er befürchtet, dass die Parteien, die nach der Entscheidung der Landesmedienanstalten leer ausgehen, die Entscheidung juristisch angreifen werden. Das könnte den Start des Netzausbaus verzögern. „Wenn das Netz nicht bis Mitte 2008 steht, wird nichts mehr daraus, denn dann gibt es längst neuere und günstigere Technologien, und man müsste wieder von vorn beginnen“, sagt Schmid. Zudem meint er, dass es auch ohne eine Partnerschaft mit den Mobilfunkfirmen nicht gehe. Sie hätten die Kundenbeziehung und würden gebraucht, um die neuen Mobiltelefone in den Markt zu drücken. „Die Mobilfunkanbieter müssen mitmachen, sonst haben kostenpflichtige Angebote keinen Sinn“, sagt Schmid. „Für rein werbefinanzierte Angebote gibt es weltweit noch kein tragfähiges Modell.“

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