Wirtschaft : Handydiscounter Simyo: Weniger als neun Cent sind nicht drin

Jeder vierte Deutsche wird mit einem Billiganbieter telefonieren, glaubt Firmenchef Hansen. Preissenkungen erwartet er nicht

Corinna Visser

Berlin - Simyo-Chef Rolf Hansen sieht auch nach dem Zusammenschluss der Mobilfunkanbieter Freenet und Debitel keine große Zukunft für die Service-Provider. „Die Frage ist, ob dieses Geschäftsmodell bei einem gesättigten Markt noch gebraucht wird, und ob es finanzierbar ist“, sagte Hansen dem Tagesspiegel. „So schnell wie die Margen sinken, können die klassischen Service-Provider gar keine Kosten abbauen.“

Service-Provider wie Debitel und Freenet haben kein eigenes Netz. Sie verkaufen Mobilfunkverträge für die Betreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus oder O2. Weil sie eigene Shops unterhalten, wurden sie zur Erschließung des Marktes gebraucht. Heute kommen aber kaum neue Kunden hinzu, vielmehr jagen sich die Anbieter die Kunden gegenseitig ab und die Netzbetreiber machen das Geschäft lieber selbst. Zudem gibt es neue Konkurrenz durch die Mobilfunk-Discounter. Die sparen beim Vertrieb, bieten keine Beratung, dafür sind sie billig. Vor drei Jahren startete Simyo, eine Zweitmarke von E-Plus, als erster Discounter im Internet. Seither sind Dutzende Anbieter hinzugekommen, auch Lebensmittelhändler wie Aldi oder Penny haben eigene Angebote. Und die Preise sind dramatisch gefallen.

„Die große Stärke der Service-Provider, die persönliche Betreuung vor Ort, ist eine Leistung, die immer weniger gefragt ist, da sich die Leute verstärkt im Internet informieren“, sagt Hansen. Im eigenen Marktsegment sieht er dagegen noch Potenzial. Derzeit, so schätzt er, haben die Discounter einen Anteil von etwa zehn Prozent am gesamten Privatkundenmarkt. „Ende dieses Jahres werden deutlich mehr als zehn Millionen Kunden bei den reinen Mobilfunkdiscountern sein“, prognostiziert er. „Bis zum Jahr 2012 ist ein Marktanteil von 25 Prozent drin.“ Eigene Kundenzahlen nennt Simyo nicht.

Auch die anderen Netzbetreiber haben längst eigene Billigmarken wie Congstar (T-Mobile) oder Fonic (O2) eingeführt. „Sie werden viel Geld in die Hand nehmen müssen, um die etablierten Discounter einzuholen“, sagt Hansen. Während Simyo nur noch im Internet werbe, „versuchen T-Mobile und O2, massiv Marktanteile zu kaufen“. Hansen zitiert dazu eine Erhebung von Nielsen Media Research, wonach Simyo in den ersten drei Monaten 2008 1,5 Millionen Euro brutto für Werbung ausgab, Fonic dagegen 7,2 Millionen und Congstar 9,1 Millionen Euro. Doch das nutze wenig, meint Hansen. „Congstar ist weit entfernt davon, den angestrebten Umsatz von einer Milliarde Euro im Jahr 2010 zu erreichen.“

Das liegt nicht nur an den niedrigen Preisen, sondern auch an der Kundenstruktur. „Bei reinen Discountangeboten liegt der monatliche Umsatz pro Kunde in der Regel unter zehn Euro“, sagt Hansen. Spielraum für Preissenkungen in dem Segment sieht er nicht. Neun Cent kostet heute eine Minute mobil telefonieren bei den Discountern. „Weiter runter kann keiner gehen, ohne Geld zu verbrennen.“ Ebenso wenig glaubt Hansen, dass es noch viel Platz für weitere Wettbewerber gibt. „Es wird eng im gesättigten Mobilfunkmarkt in Deutschland.“ Chancen hätten allenfalls starke Marken, die bereits über gut ausgebaute Distributionskanäle verfügen, wie etwa die Möbelkette Ikea.

Wachstumschancen für das eigene Unternehmen wittert Hansen vor allem im mobilen Internet. Bereits heute surften oder mailten ein Fünftel der Simyo-Kunden mit dem Handy. „Die Datennutzung ist um mehr als das Vierzigfache gestiegen.“ An werbefinanziertes kostenloses Telefonieren glaubt Hansen dagegen nicht: „Da erreichen Sie nur die Leute, die um die letzten paar Cent feilschen. Das ist nicht die Zielgruppe, die die werbende Industrie erreichen will.“

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