Wirtschaft : Hannes von Kügelgen

Geb. 1942

Gregor Eisenhauer

Auf dem Suchbild sieht man ihm an, dass sein Leben in richtigen Bahnen verläuft. Der Stand im Juni 2005: 222046 Opfer. In den Medien heißt es: „Weit über „220000 Opfer forderte der Tsunami.“ Aber man sollte genau bleiben.

Im Internet gibt es eine „gallery of missing persons“, ein Bilderalbum, in dem Fotos zu sehen sind, eingereicht von Angehörigen, die Wochen und Monate auf eine Nachricht warten mussten, von der sie wussten, sie würde schrecklich sein. Schnappschüsse: Eine Familie im Park, ein lächelndes Kind, Einschulungsfotos, Urlaubsbilder: ein Ehepaar am Strand, oder auch nur eine fotografierte Tätowierung, die bei der Identifizierung hilfreich sein könnte. 9279 Bilder.

Eins davon zeigt Hannes von Kügelgen. Ein gut aussehender, energisch wirkender Mann, dem anzumerken ist, dass sein Leben in den richtigen Bahnen verläuft.

Hannes von Kügelgen war Arzt, niedergelassener Chirurg. Ein geschickter Operateur, der nicht nur das medizinisch Notwendige tat. Er kümmerte sich um seine Patienten, war auch in seiner Freizeit abrufbar und hatte folglich – wie alle guten Ärzte – kaum ein Privatleben. Aber er wusste nur zu gut aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, umsorgt zu werden, wenn man in Not ist.

Ein Sonntagskind, am Heldengedenktag geboren, aber ohne Vater aufgewachsen. Den Kummer darüber trug er nie nach außen, zumal er bei Mutter und Großeltern sehr behütet aufwuchs.

Was er werden wollte, wusste er anfangs nicht genau: Er arbeitete immer gern mit seinen Händen, aber zunächst waren es Motoren, die ihn faszinierten. Der Rat eines Onkels brachte ihn schließlich auf die richtige Spur, er brach das Studium der Wirtschaftswissenschaften ab und studierte Medizin. Das Geld dafür verdiente er sich nebenher als Straßenbahnschaffner.

Er war immer gern unterwegs, schon als Jugendlicher unternahm er lange Reisen. Nach dem Studium zog es ihn nach Südamerika. In Bolivien arbeitete er monatelang als Arzt auf einem Sanitätsschiff, das Dschungelbewohner am Amazonas versorgte. Als Gegenleistung brachten die Eingeborenen Früchte, Hühner, Papageien, Affen.

Einen Papagei und einen Affen brachte er mit nach Deutschland, legal natürlich, denn er war in allem korrekt.

Nach Ende der Facharztausbildung gründete Hannes von Kügelgen seine eigene Praxis – aber das Fernweh blieb. Alle freie Zeit nutzte er für Reisen: Mit einem Freund durch die Julischen Alpen wandern oder querfeldein nur mit Kompass und Karte durch den Dschungel Borneos. Er ging immer vorneweg, kannte keine Angst, weil er zuvor die Risiken abgewogen hatte.

Fernab aller Touristenzentren in den Sternenhimmel sehen, gemeinsam mit der Frau, und schweigen.

Fotografien blieben von seinen Reisen, keine Schnappschüsse – Stimmungsbilder. Er ist immer ganz und gar eingetaucht in die Kultur der Länder. Und Asien liebte er vor allem, Indonesien, Borneo, Sumatra, Thailand. Ihn faszinierte die Freundlichkeit der Menschen, die unberührte Natur, die Tauchgänge im klaren Meer. Deswegen zog es ihn und seine Frau in jenes idyllische Resort: „Alle 62 im Thai-Stil erbauten Bungalows haben direkten Zugang zum traumhaften Strand.“

Am Morgen des 26. Dezembers, Weihnachtssonntag, wurde das Baan Khao Lak Resort von der Welle hinweggespült.

Alle Gäste und alle Angestellten kamen ums Leben, vermutlich. Für die Angehörigen begannen grausame Wochen und Monate des Wartens.

Seine Frau Ursula wurde zuerst gefunden, sie konnte anhand ihres Fingerabdrucks identifiziert werden. Sie wurde Wochen vor ihm in der Ostsee bestattet, da man nicht sicher sein konnte, ob Hannes von Kügelgen je entdeckt würde. Denn 8000 Tote galt es allein in dieser Region zu identifizieren. Im April entdeckte man ihn.

Am Telefon hatte er gesagt, dies sei das Paradies. Aber eigentlich wollte Hannes von Kügelgen am nächsten Tag nach Laos weiterreisen, in das einzige südostasiatische Land ohne Zugang zum Meer. Der Flug war schon gebucht.

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