Wirtschaft : Hannes Wünsch

(Geb. 1960)||„Hört uff zu lamentieren. Kommt runter und esst ooch wat.“

Tatjana Wulfert

„Hört uff zu lamentieren. Kommt runter und esst ooch wat.“ Die Kastanienallee in Rosenthal ist eine lange Straße, gesäumt von Einfamilienhäusern und flachen Neubauten. Auch ein großes Einkaufscenter gibt es dort. Fünfzig Meter dahinter lebte Hannes Wünsch, genannt Hansi, in einer schmucken hellen Wohnung.

Seine Traumwohnung war das. Das Beste daran: Ein Vorgärtchen gehörte dazu. Andere Menschen verfolgen vielleicht andere, höher gesteckte Lebensziele. Hansi jedoch wollte Blumen und Tomaten anpflanzen, mit Nachbarn und Freunden über das gelungene oder nicht gelungene Ergebnis fachsimpeln, sich in der Sonne auf den Klappstuhl setzen und die vom Einkaufscenter Kommenden in ein launiges Gespräch verwickeln, egal ob er sie je zuvor gesehen hatte oder nicht. „Na, wat haste diesmal einjekooft? Ach, Bier. Na, denn lass dit mal gleich bei mir stehen.“ Auf diese Weise lernte Hansi innerhalb weniger Wochen nach seinem Erscheinen in der Kastanienallee alle ihre Bewohner kennen. Und die Kastanienallee ist eine lange Straße.

Im Sommer geriet das Vorgärtchen zu einem Grillplatz. Irgendwann hielten es die Leute, die über Hansi wohnten nicht mehr aus, beugten sich über die Balkonbrüstung und schimpften herab, dass ihre weiße, zum Trocknen aufgehängte Wäsche mittlerweile schwarz sei. Hansi winkte ihnen mit der Grillzange in der Hand zu: „Hört uff zu lamentieren. Kommt runter und esst ooch wat.“ Das taten sie dann auch.

Im Winter wurden die Nachbarn mit anderen Gerichten versorgt. Hansi saß in seiner Küche, schnippelte, rührte, briet, stellte fünfzehn Rouladen her, viel zu viele für sich und seine Lebensgefährtin, klingelte dann an den umliegenden Türen und rettete bisweilen ein ansonsten tristes Abendbrot. Manchmal fragte ein Ehemann seine Ehefrau: „Was gibt es heute zu essen?“ Sie antwortete: „Keine Ahnung, was Hansi gerade kocht.“

Das Leben war gut, so wie es war, „guddy“ sagte Hansi immer. Bis er seine Arbeit als Landvermesser verlor. Irgendwann waren auch das Reden, das Kochen und die geselligen Abende kein Ersatz. Er zog sich dann zurück in sein Zimmer und hörte dieses eine Lied aus seinen Kindertagen, „Desiderata“‚ das Erwünschte, in einer Fassung von Friedrich Schütter, tief und rau vorgetragen, ein wenig pathetisch vielleicht, für Hansi „das Sorgenlied“. Er spielte es immer und immer wieder, er wurde dann ruhiger in ruhelosen Zeiten.

Sehr viel versprechend waren sie aber nicht. Wo gibt es denn noch Festanstellungen für Landvermesser? Vielleicht konnte Hansi wenigstens seinen Freunden ein wenig behilflich sein. Manchmal, in den kalten Monaten, stand Hansi in aller Frühe auf, ging in der Dunkelheit auf die Straße und kratzte das Eis von den Scheiben der Autos. Seine Freunde, auf dem Weg zur Arbeit, fanden dann diese Zettelchen unter ihren Scheibenwischern: „Alles guddy. Hansi“.

Nach zwei Jahren kam Hansi darauf, sich selbstständig zu machen, zuerst als Landvermesser, dann auch noch mit einer Baustellenreinigung. Das Geschäft lief gut, sehr gut sogar. Kontaktprobleme hatte er ja keine. Wenn Hansi etwa mit dem Taxi fuhr, und er fuhr ausschließlich Taxi, dann schwatzte er eben ein wenig mit dem Fahrer. Und der Fahrer seinerseits kannte Leute, die Hansi nützlich sein konnten. Gerade hatte er zwei große Aufträge bekommen und beschlossen, noch ein paar Mitarbeiter einzustellen.

Am 31. Oktober kam er ins Krankenhaus. Wegen seiner Rückenschmerzen ist er nie zum Arzt gegangen, jetzt konnte er nicht mehr laufen. Er hatte Krebs. Am 9. Dezember ist Hansi Wünsch gestorben.

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