Wirtschaft : Hannover-Messe: Demonstrative Zuversicht

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Trotz erneut schlechterer Stimmungsindikatoren aus der gewerblichen Wirtschaft hofft die deutsche Maschinenbau-Branche auf eine weiterhin starke Nachfrage. Die Produktion werde 2001 um fünf Prozent zulegen, prognostizierte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) am Montag zum Auftakt der Hannover-Messe. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erwartet ein Wachstum zwischen 2,0 und 2,5 Prozent und verlangte von der Bundesregierung eine Wende in der Wirtschaftspolitik.

Der Konjunktur-Chef des Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, Willi Leibfritz, sieht hingegen noch keine Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage. Die zum Jahresanfang in Kraft getretene Steuerreform habe sich bislang noch nicht auf die Inlandsnachfrage ausgewirkt. Der von Ifo-Institut erhobene Geschäftsklima-Index war im März auf 93,9 Punkte nach 94,9 im Vormonat zurückgegangen. Die Stimmung war den Indikatoren zufolge in den alten wie in den neuen Ländern schlechter geworden. Im Westen sanken die Erwartungen für die Zukunft sogar auf den tiefsten Stand der vergangenen zwölf Monate. "Es kann sein, dass wir den Tiefpunkt noch nicht gesehen haben", sagte Leibfritz weiter. Ob wegen der schlechten Stimmung die Wachstumsprognose der Forschungsinstitute noch unter 2,1 Prozent gesenkt werden müsse, könne man noch nicht sagen. Die Situation müsse sich auf jeden Fall in den kommenden Monaten stabilisieren, sagte Leibfritz.

"Wir sind nicht nach Hannover gekommen, um zu jammern", hielt VDMA-Präsident Eberhard Reuther dem entgegen. Dafür gebe es keinen Grund. Der Verband, dessen Mitgliedsfirmen bundesweit fast 900 000 Menschen beschäftigen, beließ seine Produktionsprognose mit plus fünf Prozent auf dem Stand vom Herbst 2000 und korrigierte sie nicht nach unten, anders als es Konjunkturforscher zuletzt für die Gesamtwirtschaft taten. Einzelne VDMA-Fachverbände hoffen sogar auf zweistellige Zuwachsraten. "Nur ein explosionsartiger Anstieg des Euro könnte diese Erwartungen noch verhageln." Im vergangenen Jahr, dem stärksten seit der Wiedervereinigung, war die Produktion um sieben Prozent gestiegen. Zwar erlebe auch der Maschinenbau eine Abschwächung des Wachstums, verursacht vom hohen Ölpreis, der Nahost-Krise und der schwächeren USA-Wirtschaft. Diese Minuspunkte würden jedoch kompensiert von hohen Auftragsbeständen und einer hohen Kapazitätsauslastung, auch bei den Kunden. Die Industrie in den neuen Bundesländern werde davon aber kaum profitieren, weil sie nur sechs Prozent an der gesamtdeutschen Produktion ausmache.

Reuther warnte Europa davor, stets auf die US-Konjunktur zu blicken "wie ein Kaninchen auf die Schlange". Das Wirtschaftswachstum in Westeuropa sei stabil und werde durch eine Schwäche in den USA nicht automatisch abgewürgt. Der VDMA-Präsident sagte, man dürfe die Konjunktur nicht zerreden. "Man darf sie aber auch nicht schön reden." Dazu stünden noch zahlreiche Reformen aus.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte bei der Eröffnung der Messe am Sonntagabend gesagt, zu "Konjunktur-Pessimusmus" gebe es angesichts der Industrie-Entwicklung weiterhin keinen Anlass. Er erwarte von der Messe "ein klares Signal der Zuversicht". Auf eine genaue Zuwachszahl des Bruttoinlandsproduktes wollte sich der Kanzler noch immer nicht festlegen. Er sagte nur, sie werde "deutlich über 1,5 Prozent" liegen. Schröder bekundete, "um jedes Zehntel beim Wachstum kämpfen" zu wollen und alles zu tun, um die "robusten Wachstumskräfte zu stärken". Dazu brauche die Bundesregierung aber "mehr Mut zu strukturellen Reformen", findet Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Er sagte zum Auftakt der Messe am Montag, die Koalition sei dafür verantwortlich, "dass es aufwärts und nicht abwärts geht". Es gebe lediglich eine Wachstumsdelle. Eine Rezession drohe Deutschland nicht, auch dank des Exports, der um zehn Prozent expandieren werde. Eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes, Steuersenkungen, eine bessere Infrastruktur und eine Beseitigung der Engpässe im Bildungssektor seien jedoch unerlässlich. Die Regierung setze zu sehr auf Regulierung, Verbote und Interventionen. "Die Bildungsanstrengungen müssen drastisch erhöht werden", forderte Rogowski. Jedes sechste Unternehmen müsse Innovationen aufschieben oder die Entwicklung abbrechen, weil es an Fachleuten fehle.

Auch der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) sieht seine Branche durch Nachwuchsmangel bei Ingenieuren in Gefahr. "2002 wird jede zweite Stelle für Elektroingenieure unbesetzt bleiben", prognostizierte der VDE-Vizechef und Siemens-Vorstand Klaus Wucherer.

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